ABC des Anarchismus/Druckversion

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ABC des Anarchismus. Alexander Berkman. 1929.

[Bearbeiten] Vorwort

Ich halte den Anarchismus für die vernünftigste und am besten durchführbare Konzeption einer in Freiheit und Harmonie lebenden Gesellschaft. Ich bin überzeugt, daß er im Laufe der weiteren menschlichen Entwicklung mit Sicherheit verwirklicht wird.


Der Zeitpunkt dafür wird von zwei Faktoren abhängen: Erstens davon, wann die bestehenden Bedingungen für einen großen Teil der Menschheit physisch und geistig unerträglich werden, und zweitens davon, in welchem Maße die anarchistischen Ansichten verstanden und akzeptiert werden.


Unsere gesellschaftlichen Institutionen basieren auf bestimmten Vorstellungen und solange diese hingenommen werden, sind die Institutionen nicht gefährdet. Die Macht der Regierung bleibt erhalten, weil die Menschen der Meinung sind, daß politische Autorität und gesetzlicher Druck notwendig sind. Der Kapitalismus bleibt solange bestehen, wie dieses System als vernünftig und richtig erachtet wird. Eine Aushöhlung der Ideen, die für die schlechten und bedrückenden Lebensbedingungen der heutigen Zeit mitverantwortlich sind, führt letzten Endes zum Zusammenbruch des Regierungssystems und des Kapitalismus. Fortschritt besteht darin, daß Überholtes abgeschafft und durch ein angemessenes Konzept ersetzt wird. Selbst dem beiläufigen Beobachter muß auffallen, daß die Grundvorstellungen der Gesellschaft zur Zeit einer radikalen Änderung unterliegen. Der Weltkrieg und die russische Revolution sind die Hauptursachen dafür. Der Krieg hat den verderblichen Charakter des kapitalistischen Wettbewerbs und die tödliche Unfähigkeit der Regierungen aufgedeckt, Streitigkeiten zwischen den Nationen, oder besser gesagt, zwischen den herrschenden Finanzcliquen zu schlichten. Weil die Menschen ihren Glauben an die alten Methoden verlieren, sind die Großmächte jetzt sogar gezwungen, Abrüstung und sogar ein Verbot von Kriegen zu diskutieren. Noch vor gar nicht langer Zeit traf auch nur die Andeutung einer solchen Möglichkeit auf Hohn und Spott. Ebenso bricht allmählich der Glaube an andere etablierte Institutionen zusammen. Der Kapitalismus »funktioniert« noch, aber an seiner Zweckmäßigkeit und Gerechtigkeit zweifeln ständig wachsende Bevölkerungsgruppen. Die russische Revolution hat Ideen und Gefühle verbreitet, die die grundlegenden Vorstellungen der kapitalistischen Gesellschaft unterminieren, insbesondere die über Wirtschaft und die der Unantastbarkeit des Privateigentums. Denn nicht nur in Rußland hat der Oktober eine Veränderung bewirkt, in der ganzen Welt hat er die Massen beeinflußt Der beliebte Aberglaube, daß das Bestehende permanent sei, ist für immer erschüttert.


Der Krieg, die russische Revolution und die Nachkriegsentwicklung haben das ihre dazu beigetragen, daß viele vom Sozialismus enttäuscht sind. Es trifft buchstäblich zu, daß der Sozialismus genauso wie das Christentum die Welt erobert hat und sich dabei selbst zerstört. In den meisten europäischen Ländern regieren jetzt sozialistische Parteien oder sind an der Regierung beteiligt, aber die Menschen glauben nicht mehr, daß diese Parteien sich von den bourgeoisen Regimen unterscheiden. Sie haben das Gefühl daß der Sozialismus versagt hat und handlungsunfähig geworden ist. In ähnlicher Weise haben die Bolschewisten bewiesen, daß marxistisches Dogma und leninistische Prinzipien nur zu Diktatur und Reaktion führen können.


Für die Anarchisten ist das alles nicht überraschend. Sie haben schon immer behauptet, daß der Staat auf die individuelle Freiheit und die Harmonie in der Gesellschaft einen verderblichen Einfluß hat und daß nur die Abschaffung der auf Zwang beruhenden Autorität sowie der materiellen Ungleichheit unsere politischen, wirtschaftlichen und nationalen Probleme lösen kann. Aber ihre Argumente, obwohl durch lebenslange Erfahrung gestützt, erschienen der gegenwärtigen Generation als reine Theorie, bis die Ereignisse der letzten zwei Jahrzehnte die Richtigkeit der anarchistischen Position demonstrierten. Das Versagen des Sozialismus und Bolschewismus hat dem Anarchismus den Weg geebnet.


Die Literatur über den Anarchismus ist zahlreich, aber sie wurde größtenteils vor dem Weltkrieg geschrieben. Die in der jüngsten Vergangenheit gewonnenen Erkenntnisse sind so bedeutend, daß die anarchistische Position und Argumentation geändert werden muß Obwohl die grundlegenden Lehrsätze selbst unverändert beibehalten werden können, erscheint es aufgrund von Tatbeständen aus der gegenwärtigen Geschichte geboten, sie bezüglich ihrer praktischen Anwendung zu modifizieren. Die Erfahrungen der russischen Revolution erfordern vor allem ein neues Verständnis verschiedener wichtiger Probleme, darunter hauptsächlich der des Wesens und der Aktivitäten der sozialen Revolution.


Zudem sind Bücher über den Anarchismus, von einigen Ausnahmen abgesehen, für den Durchschnittsleser kaum verständlich. Allgemein besteht die Schwäche der Bücher, die sich mit sozialen Fragen befassen, darin, daß sie unter der Annahme geschrieben sind, der Leser sei schon in erheblichem Umfang mit der Sache vertraut, was im allgemeinen auch überhaupt nicht zutrifft. Das Ergebnis ist, daß nur sehr wenige Bücher soziale Probleme in einfacher und verständlicher Weise behandeln. Aus diesem Grunde erscheint mir eine Neudarstellung der anarchistischen Position zu diesem Zeitpunkt geboten - eine für jeden verständliche Neudarstellung mit besonders einfachen und klaren Begriffen. Das ergibt ein ABC des Anarchismus. Mit diesem Ziel vor Augen wurden die folgenden Seiten geschrieben.


Paris 1928

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[Bearbeiten] Einführung

Alexander Berkman: "ABC des Anarchismus" (1929).

Ich möchte Ihnen etwas über Anarchismus erzählen. Ich möchte Ihnen sagen, was Anarchismus ist, denn ich glaube, es ist gut, wenn Sie es wissen. Auch deswegen weil so wenig darüber bekannt ist und das, was man im allgemeinen durch Hörensagen weiß meistens falsch ist. Ich möchte Ihnen darüber erzählen, weil ich glaube, daß Anarchismus die schönste und größte Sache ist, die Menschen je erdacht haben; er allein kann Ihnen Freiheit und Wohlstand geben und Frieden und Freude für die Welt bringen.


Ich möchte Ihnen darüber in so einfacher und schlichter Sprache erzählen, daß es keine Mißverständnisse geben kann. Große Worte und hochtrabende Sätze verwirren nur. Unkompliziertes Denken verlangt eine einfache Sprache. Aber bevor ich Ihnen erzähle, was Anarchismus ist, möchte ich Ihnen sagen, was er nicht ist. Das ist erforderlich, weil so viele Lügen über den Anarchismus verbreitet worden sind. Sogar intelligente Menschen haben oft völlig falsche Vorstellungen. Manche Leute reden über Anarchismus, ohne auch nur das Geringste darüber zu wissen. Und manche verbreiten Lügen über den Anarchismus, weil sie nicht wollen, daß Sie die Wahrheit darüber erfahren.


Der Anarchismus hat viele Feinde, die natürlich die Wahrheit verschweigen werden. Warum der Anarchismus Feinde hat, und wer sie sind, werden Sie später in diesem Buche erfahren. Ich kann Ihnen aber schon jetzt sagen, daß weder Ihr politischer Führer noch Ihr Arbeitgeber, weder der Kapitalist noch der Polizist aufrichtig mit Ihnen über den Anarchismus sprechen werden. Die meisten von ihnen wissen auch nichts über ihn, aber alle hassen ihn. Ihre Zeitungen und Publikationsorgane - die kapitalistische Presse - sind ebenfalls gegen ihn. Selbst die meisten Sozialisten und Bolschewisten stellten ihn falsch dar. Es ist allerdings wahr, daß die Mehrheit unter ihnen es auch nicht besser weiß Aber die, die es besser wissen, sagen oft nicht die Wahrheit und setzen Anarchismus mit Aufruhr und Chaos gleich. Sehen Sie selbst, wie unredlich viele in diesem Punkt sind: Die größten Lehrer des Sozialismus - Karl Marx und Friedrich Engels - haben gelehrt, daß der Anarchismus aus dem Sozialismus hervorgeht. Sie sagten, daß erst der Sozialismus kommen muß aber daß auf den Sozialismus der Anarchismus folgen wird und daß dieser für die menschliche Gesellschaft eine noch freiere und bessere Lebensform darstelle als der Sozialismus. Die Sozialisten, die auf Marx und Engels schwören, beschimpfen den Anarchismus beharrlich als »Chaos und Aufruhr«, all dies zeigt Ihnen, wie ignorant und unredlich sie sind.


Er bedeutet nicht Bomben, Aufruhr oder Chaos. Er bedeutet nicht Raub und Mord. Er bedeutet nicht einen Krieg jeder gegen jeden. Er bedeutet nicht eine Rückkehr zur Barbarei oder in die Anfänge der Menschheit. Anarchismus ist das genaue Gegenteil all dessen. Anarchismus heißt daß Sie frei sein werden; daß niemand Sie versklaven, Sie herumkommandieren, Sie berauben oder mißbrauchen wird. Das bedeutet, daß Sie die Freiheit haben werden, das zu tun, was Sie wollen, und daß Sie nicht gezwungen werden, etwas gegen Ihren Willen zu tun. Das bedeutet, daß Sie die Möglichkeit haben, ohne Einmischung anderer so leben zu können, wie Sie es wünschen.


Das bedeutet, daß Ihr Nachbar die gleiche Freiheit hat wie Sie, daß jeder dieselben Rechte und Freiheiten besitzen wird. Das bedeutet, daß alle Menschen Brüder sind und wie Brüder in Frieden und Harmonie leben werden. Das heißt daß es keine Kriege geben wird und keine Gewaltanwendung einer Gruppe gegen die andere, kein Monopol, keine Armut, keine Unterdrückung und kein Ausnutzen des Mitmenschen. Kurz gesagt: Anarchismus heißt die Gesellschaftsform, in der alle Männer und Frauen frei sind und in der alle die Vorteile eines geregelten und sinnvollen Lebens genießen. »Ist das überhaupt möglich?« fragen Sie. »und wie?« »Nicht bevor wir alle Engel werden«, bemerkt Ihr Freund.


Also sprechen wir es durch! Vielleicht kann ich Ihnen zeigen, daß wir vernünftig sein und wie anständige Leute leben können, ohne daß uns Flügel wachsen müssen. Die Bolschewisten tun dasselbe, obwohl ihr größter Lehrer, Lenin, gesagt hat, daß auf den Bolschewismus der Anarchismus folgen und daß man dann besser und freier leben wird. Darum muß ich Ihnen erst einmal sagen, was Anarchismus auf keinen Fall bedeutet.


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[Bearbeiten] Bedeutet Anarchismus Gewaltanwendung?

Sie haben sicherlich gehört, daß Anarchisten Bomben werfen, daß sie an Gewalt glauben und daß die Anarchie Aufruhr und Chaos bedeutet. Es ist nicht überraschend, wenn Sie so denken sollten. Die Presse, die Kirche und jede andere Autorität hämmern es Ihnen ständig ein. Aber die meisten dieser Institutionen wissen es besser, und sie haben Grund Ihnen nicht die Wahrheit zu sagen. Es wird Zeit, daß Sie diese hören. Ich habe die Absicht, mit Ihnen offen und ehrlich zu sprechen, und Sie können mich beim Wort nehmen, denn ich bin zufällig einer jener Anarchisten, die als gewalttätig und zerstörerisch gelten. Ich müßte darüber Bescheid wissen und habe auch keinen Grund etwas zu verbergen.


»Bedeutet Anarchismus nun wirklich Aufruhr und Gewalt?« fragen Sie. »Nein, mein Freund. Es ist der Kapitalismus und die Regierung, die Unruhe und Gewalt erzeugen: Anarchismus ist das genaue Gegenteil er ist für Ordnung ohne Regierung und für Frieden ohne Gewalt. »Aber ist so etwas möglich?« wenden Sie ein. Genau darüber wollen wir sprechen. Aber zuerst wird Ihr Freund wissen wollen, ob Anarchisten nie Bomben geworfen oder Gewalt angewandt haben. Ja, Anarchisten haben Bomben geworfen und manchmal Gewalt angewendet »Na, siehst!« wird Ihr Freund ausrufen. »Das dachte ich mir.« Aber lassen Sie uns nicht voreilig sein. Wenn die Anarchisten manchmal Gewalt angewendet haben, heißt das dann unbedingt, daß Anarchismus Gewalt bedeuten muß? Stellen Sie sich selbst diese Frage und versuchen Sie, sie ehrlich zu beantworten.


Wenn ein Bürger eine Soldatenuniform anzieht, dann muß er vielleicht Bomben werfen und Gewalt anwenden. Würden Sie dann sagen, daß Bürgertum für Bomben und Gewalt steht? Diese Unterstellung würden Sie entrüstet von sich weisen. Das heißt werden Sie antworten, daß ein Mensch unter bestimmten Bedingungen eventuell Gewalt anwenden muß. Dieser Mensch könnte ein Demokrat, ein Monarchist, ein Sozialist, Bolschewist oder Anarchist sein. Sie würden der Meinung sein, daß dieses für alle Menschen und alle Zeiten zutrifft. Brutus tötete Cäsar, weil er befürchtete, sein Freund hätte die Absicht, die Republik zu verraten und König zu werden; nicht darum, weil Brutus »Cäsar nicht liebte, sondern er Rom mehr liebte«. Brutus war kein Anarchist. Er war ein loyaler Republikaner.


Wilhelm Tell, berichtet die Volkskunde, erschoß den Tyrannen, um sein Land von der Unterdrückung zu befreien. Tell hatte nie etwas über Anarchismus gehört. Ich erwähne diese Ereignisse, um auf die Tatsache hinzuweisen, daß seit Urzeiten das Schicksal Despoten in Form einer Gewalttat freiheitsliebender Menschen ereilte, die gegen die Tyrannei rebellierten. Im allgemeinen waren die Attentäter Patrioten, Demokraten oder Republikaner, manchmal Sozialisten oder Anarchisten. Ihre Taten waren eine individuelle Rebellion gegen Unrecht und Ungerechtigkeit. Anarchismus hat damit nichts zu tun.


Es gab Zeiten im alten Griechenland in denen das Töten eines Despoten als höchste Tugend galt. Das moderne Recht verurteilt solche Taten, aber das menschliche Gefühl scheint sich in dieser Beziehung von früher nicht zu unterscheiden. Das Gewissen der Welt empört sich nicht über Tyrannenmorde. Auch wenn sie öffentlich nicht gebilligt werden, so verzeiht doch die Menschheit im Herzen solche Taten und ist oft insgeheim darüber erfreut. Gab es nicht tausende patriotischer Jugendliche in Amerika, die bereit waren, den deutschen Kaiser zu ermorden, den sie für den Beginn des Ersten Weltkrieges verantwortlich machten? Hat das französische Gericht nicht erst vor kurzem den Mann freigelassen, der Petljura tötete, um Tausende von Männern, Frauen und Kindern zu rächen, die bei Petljuras Judenverfolgungen in Südrußland ermordet wurden?


In jedem Land und zu allen Zeiten hat es schon Tyrannenmorde gegeben; das heißt Männer und Frauen liebten ihr Land so sehr, daß sie bereit waren, ihr Leben dafür zu opfern. Meistens waren es Menschen, die keiner politischen Partei oder Idee anhingen, sondern nur die Tyrannei haßten Gelegentlich waren es religiöse Fanatiker wie der fromme Katholik Kullmann, der Bismarck zu töten versuchte, oder wie die irregeleitete Schwärmerin Charlotte Corday, die während der französischen Revolution Marat tötete. In den Vereinigten Staaten wurden drei Präsidenten von Einzelgängern ermordet. Lincoln wurde l865 von John Wilkes Booth, einem Demokraten aus den Südstaaten, erschossen; Garfield im Jahre 1888 von dem Republikaner Charles Jules Cuiteau; und McKinleyim Jahre 1901 von Leon Czolgosz. Nur einer der drei war Anarchist.


Es ist nur natürlich, daß das Land mit den schlimmsten Tyrannen auch die größte Anzahl von Tyrannenmorden aufweist. Nehmen Sie z. B. Rußland. Wegen der totalen Unterdrückung der Redefreiheit und der Presse unter den Zaren konnte das despotische Regime nicht anders gemildert werden, als daß dem Tyrannen »die Furcht vor Gott« eingejagt wurde. Jene Rächer waren meistens Söhne des Hochadels, idealistische Jugendliche, die die Freiheit und das Volk liebten. Da alle anderen Wege versperrt waren, sahen sie sich gezwungen, zu Pistole und Dynamit Zuflucht zu nehmen, mit der Hoffnung, dadurch die miserablen Zustände in ihrem Land zu mildern. Sie waren bekannt als Nihilisten und Terroristen. Sie waren keine Anarchisten.


In modernen Zeiten sind individuell ausgeführte politische Gewalttaten häufiger als in der Vergangenheit. Die Suffragetten in England haben oft darauf zurückgegriffen, um ihre Forderungen nach Gleichberechtigung zu propagieren und durchzusetzen. Seit Ende des Krieges haben in Deutschland Männer mit sehr konservativen Ansichten mit Hilfe solcher Methoden gehofft, die Monarchie wieder einführen zu können. Ein Monarchist hat Karl Erzberger, den preußischen Finanzminister, ermordet; auch der Außenminister Walter Rathenau wurde von einem Mann derselben politischen Partei umgebracht.


Die Tat eines serbischen Patrioten, der noch nie etwas von Anarchismus gehört hatte, nämlich die Ermordung des österreichischen Thronfolgers war der eigentliche Grund oder zumindest eine Entschuldigung für den Eintritt in den Weltkrieg. In Deutschland, Ungarn, Spanien, Frankreich, Italien, Portugal und in jedem anderen europäischen Land haben Männer unterschiedlichster politischer Richtungen auf Gewalt zurückgegriffen, ganz zu schweigen von dem politischen Massenterror, der von organisierten Gruppen wie den Faschisten in Italien, dem Ku Klux Klan in Amerika oder der katholischen Kirche in Mexiko praktiziert wird.


Sie sehen also, daß das Monopol der politischen Gewaltanwendung nicht bei den Anarchisten liegt. Der Anteil, der von Anarchisten begangenen Gewalttaten ist vergleichsweise winzig gegenüber dem von Leuten anderer politischer Richtungen. Die Wahrheit ist, daß Gewaltanwendungen seit undenkbaren Zeiten in allen Ländern und in jeder sozialen Bewegung ein Teil des Kampfes gewesen ist. Selbst der Nazarener, der gekommen war, um das Evangelium des Friedens zu predigen, vertrieb die Geldwechsler gewaltsam aus dem Tempel. Wie ich schon sagte, besitzen die Anarchisten nicht das Monopol für Gewalt. Der Anarchismus lehrt im Gegenteil Frieden und Harmonie, Nichteinmischung und Unantastbarkeit des Lebens und der Freiheit. Anarchisten sind ebenso menschlich wie der Rest der Menschheit, vielleicht sogar mehr. Sie empfinden Unrecht und Ungerechtigkeit stärker, entrüsten sich schneller über Unterdrückung und daher ist es zuweilen nicht ausgeschlossen, daß sie in Form einer Gewalttat protestieren. Solche Taten sind aber Ausdruck eines individuellen Temperaments und nicht einer bestimmten Theorie.


Sie werden vielleicht fragen, ob das Festhalten an revolutionären Ideen Menschen nicht zwangsläufig zu Gewalttätigkeit führt. Ich glaube das nicht, denn wir haben gesehen, daß Methoden der Gewalt auch von Leuten mit sehr konservativen Ansichten angewandt worden sind. Wenn Menschen mit genau entgegengesetzten politischen Ansichten in gleicher Weise handeln, dann ist es wenig überzeugend, wenn man Ideen für diese Taten verantwortlich macht.


Gleiche Resultate haben die gleiche Ursache aber man darf diese Ursache sicherlich nicht in den politischen Überzeugungen suchen, sondern eher im individuellen Temperament und im allgemeinen Verhältnis zur Gewalt. »Sie mögen recht haben, was das Temperament betrifft«, sagen Sie. »Es leuchtet mir ein, daß revolutionäre Ideen nicht die Ursache für politische Gewalttaten sind, sonst müßte jeder Revolutionär solche Taten begehen. Aber rechtfertigen diese Ansichten teilweise nicht jene, die solche Taten ausführen?« Auf den ersten Blick mag es so aussehen. Aber wenn Sie genau darüber nachdenken, dann werden Sie feststellen, daß dieser Gedanke völlig falsch ist. Der beste Beweis dafür ist, daß Anarchisten, die die gleiche Meinung über Regierung und die Notwendigkeit ihrer Abschaffung haben, in der Frage der Gewaltanwendung oft völlig uneinig sind. So verurteilen die auf Tolstoi zurückgehenden Anarchisten und die meisten individualistisch eingestellten Anarchisten politische Gewaltanwendung, während andere Anarchisten sie billigen oder zumindest rechtfertigen.


Darüber hinaus haben viele Anarchisten, die einst an die Gewalt als Propagandamittel glaubten, ihre Meinung geändert und unterstützen diese Methoden nicht mehr. Es gab beispielsweise eine Zeit, in der die Anarchisten individuelle Gewalttaten, bekannt als »Propaganda der Tat«, befürworteten. Sie erwarteten weder, daß Regierung und Kapitalismus durch solche Taten zum Anarchismus bekehrt würden, noch glaubten sie, daß die Beseitigung eines Despoten den Despotismus abschaffen würde. Nein, der Terrorismus wurde als ein Mittel angesehen, das allgemeines Unrecht rächt, dem Feind Angst einflößt und die Aufmerksamkeit auf das Übel lenkt, gegen das der Terrorakt gerichtet war. Doch die meisten Anarchisten glauben heute nicht an die »Propaganda der Tat« und unterstützen Handlungen dieser Art nicht.


Die Erfahrung hat sie gelehrt, daß mögen diese Methoden in der Vergangenheit vielleicht auch gerechtfertigt und nützlich gewesen sein, sie unter den heutigen Bedingungen unnötig und für die Verbreitung ihrer Ideen sogar schädlich sind. Da aber ihre Ideen dieselben geblieben sind, heißt das, daß nicht der Anarchismus ihre Einstellung zur Gewalt formte. Das beweist, daß nicht bestimmte Ideen oder »Theorien« zur Gewalt führen, sondern daß andere Prozesse sie mit sich bringen.


Wir müssen darum an anderer Stelle suchen, um die richtige Erklärung zu finden. Wie wir gesehen haben, wurden politische Gewaltakte nicht nur von Anarchisten, Sozialisten und Revolutionären jeder Schattierung begangen, sondern auch von Patrioten und Nationalisten, von Demokraten und Republikanern, von Suffragetten, von Konservativen und Reaktionären, von Monarchisten und Royalisten und sogar von religiösen Eiferern und frommen Christen.


Wir wissen jetzt, daß nicht eine bestimmte Idee oder »Ismen« sie zu ihren Handlungen veranlaßt hat, denn die unterschiedlichsten Ideen und »Ismen« haben dieselben Taten hervorgebracht. Als Grund habe ich das individuelle Temperament und das allgemeine Verhältnis zur Gewalt angegeben.

Hier ist der springende Punkt. Wie ist das allgemeine Verhältnis zur Gewalt? Wir werden die Sache nur verstehen, wenn wir diese Frage korrekt beantworten können. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, daß jeder von uns an Gewalt glaubt und sie auch praktiziert, wenngleich er sie bei anderen auch verurteilen mag. In der Tat basieren sämtliche von uns unterstützten Institutionen und das gesamte Leben der gegenwärtigen Gesellschaft auf Gewalt. Was ist das, was wir Regierung nennen? Ist sie etwas anderes als organisierte Gewalt? Das Gesetz schreibt Ihnen vor, was Sie zu tun oder Sie nicht zu tun haben und wenn Sie ihm nicht gehorchen, dann werden Sie mit Gewalt dazu gezwungen. Wir diskutieren jetzt nicht, ob es richtig oder falsch ist, ob es so oder nicht so sein sollte. Im Augenblick interessiert uns nur die Tatsache, daß es so ist, daß letzten Endes jede Regierung, alle Gesetze und jede Autorität auf Zwang und Gewalt, auf Bestrafung oder Angst vor Bestrafung beruhen. Sogar die geistige Autorität wie die Amtsgerichte der Kirche und die Autorität Gottes beruhen auf Zwang und Gewalt, denn es ist die Furcht vor Gottes Zorn und Strafe, die Macht auf Sie ausübt, Sie zu Gehorsam und an Dinge zu glauben zwingt, von denen Sie nicht überzeugt sind.


Wohin Sie auch blicken, Sie werden feststellen, daß unser gesamtes Leben auf Gewalt oder der Angst davor aufgebaut ist. Von frühester Kindheit an sind Sie der Gewalt der Eltern oder der Erwachsenen ausgesetzt. Zu Hause, in der Schule, im Büro, in der Fabrik, auf dem Feld oder in der Werkstatt haben Sie immer jemandem gehorsam zu sein und seine Autorität zwingt Sie, seinen Willen auszuführen. Das Recht, Sie zu zwingen, nennt man Autorität. Angst vor Bestrafung wurde zur Pflicht gemacht und heißt Gehorsam. In dieser Atmosphäre des Zwangs und der Gewalt, der Autorität und des Gehorsams, der Pflicht, Angst und Bestrafung wachsen wir alle auf; wir atmen sie unser ganzes Leben lang ein. Wir sind derart durchtränkt mit dem Geist der Gewalt, daß wir nie innehalten und fragen, ob Gewalt richtig oder falsch ist. Wir fragen nur, ob sie legal ist und ob das Gesetz sie zuläßt.


Sie stellen das Recht der Regierung zu töten, zu beschlagnahmen und einzusperren nicht in Frage. Wenn eine Privatperson und nicht die Regierung sich der Dinge schuldig machen würde, so würden Sie diese als Mörder, Dieb und Schurken anprangern. Aber solange die verübte Gewalt »gesetzlich« ist, billigen Sie sie und unterwerfen sich ihr. Also protestieren Sie in Wirklichkeit nicht gegen die Gewalt, sondern gegen Leute, die Gewalt »ungesetzlich« anwenden.


Diese erlaubte Gewalt und die Angst vor ihr beherrschen unsere gesamte individuelle und kollektive Existenz. Autorität kontrolliert unser Leben von der Wiege bis zum Grab - elterliche, priesterliche und göttliche, politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und moralische Autorität. Welchen Charakter die Autorität auch haben mag, immer derselbe Vollstrecker übt Macht über Sie mittels Angst vor Bestrafung in dieser oder jener Form aus. Sie haben Angst vor Gott und dem Teufel, vor dem Priester und dem Nachbarn, vor Ihrem Arbeitgeber und Vorgesetzten, vor dem Politiker und dem Polizisten, dem Richter und dem Gefängniswärter, vor dem Gesetz und vor der Regierung. Ihr ganzes Leben besteht aus einer langen Kette von Ängsten - Ängsten, die ihren Körper quälen und Ihre Seele zerreißen. Auf diesen Ängsten beruht die Autorität Gottes, der Kirche, der Eltern, der Kapitalisten und der Herrscher. Gehen Sie in sich und prüfen Sie, ob ich die Unwahrheit sage. Wie sollte es sonst möglich sein, daß sogar unter Kindern der zehnjährige Jonny seine jüngeren Geschwister dank seiner größeren physischen Kraft herumkommandiert, genauso, wie Jonny’s Vater ihn wiederum auf Grund seiner größeren Kraft und wegen Jonny’s Abhängigkeit bezüglich des Unterhalts herumkommandiert. Sie bestehen auf der Autorität der Priester und Prediger, da Sie glauben, daß diese »den Zorn Gottes auf Ihr Haupt lenken« können. Sie fügen sich dem Willen des Vorgesetzten, des Richters und der Regierung, da diese die Macht haben, Ihnen Ihre Arbeit zu nehmen, Ihr Geschäft zu ruinieren, Sie ins Gefängnis zu werfen - eine Macht übrigens, die Sie Ihnen selbst gegeben haben.


Auf diese Weise regiert Autorität Ihr gesamtes Leben - die Autorität der Vergangenheit und der Gegenwart, der Toten und der Lebenden - und ihr Leben ist dauernder Angriff und Verletzung Ihrer Persönlichkeit, ständige Unterwerfung der Meinung und dem Verlangen anderer.


Sie rächen sich an anderen, über die Sie Herrschaft oder auf die Sie physischen oder moralischen Zwang ausüben können, indem Sie Ihnen Gewalt antun und sie verletzen genauso wie man mit Ihnen verfährt. Auf diese Weise ist Leben ein scheußliches Flickenmuster aus Autorität, Herrschaft und Ergebenheit, Befehl und Gehorsam, Zwang und Unterwerfung, Herrschen und Beherrschen, Gewalt und Macht in tausend und einer Gestalt geworden. Wundert es Sie da noch, daß sogar Idealisten in dem Netz dieser Gedankenwelt von Autorität und Gewalt gefangen sind und oft durch ihre Gefühle und die Umwelt zu feindlichen Handlungen getrieben werden, die völlig im Widerspruch zu ihren Ideen stehen?


Wir sind immer noch Barbaren, die auf Macht und Gewalt zurückgreifen, um die eigenen Schulden, Schwierigkeiten und Probleme zu bereinigen. Gewalt ist die Methode der Unwissenheit, die Waffe der Schwachen. Diejenigen, die viel menschliche Güte und Verstand besitzen, haben keine Gewalt nötig, da sie unwiderstehlich sind aufgrund ihrer Überzeugung richtig zu handeln. Je weiter wir uns vom Urmenschen und vom Zeitalter des Handbeils entfernen, desto weniger werden wir auf Macht und Gewalt zurückgreifen. Je aufgeklärter der Mensch wird, desto weniger wird er Druck und Zwang ausüben. Er wird sich aus dem Staub erheben und aufrecht stehen: Er wird sich vor keinem Zaren im Himmel oder auf der Erde verbeugen. Er wird erst dann vollkommen menschlich sein wenn er zu herrschen verschmäht und sich weigert beherrscht zu werden. Er wird erst wirklich frei sein, wenn es keine Herren mehr gibt.


Anarchismus ist das Ideal eines solchen Zustands; einer Gesellschaft ohne Gewalt und Zwang, in der alle Menschen gleich sein und in Freiheit, Frieden und Harmonie leben werden. Das Wort Anarchie stammt aus dem Griechischen und bedeutet ohne Macht, ohne Gewalt oder Regierung, weil Regierung der Urquell für Gewalt, Einschränkung und Zwang ist. Anarchie*(=* Anarchie bezieht sich auf den Zustand. Anarchismus ist die Theorie oder Lehre darüber.) bedeutet daher nicht Aufruhr und Chaos, wie Sie anfangs dachten. Sie ist geradezu das Gegenteil davon: Sie bedeutet keine Regierung, also Freiheit und Unabhängigkeit. Aufruhr ist ein Produkt von Autorität und Zwang. Freiheit ist der Quell der Ordnung. »Eine sehr schöne Idee«, werden Sie sagen, »aber nur Engel sind dafür geschaffen«. Dann lassen Sie uns abwarten, ob wir uns die Flügel wachsen lassen können, die wir für diese ideale Gesellschaftsform brauchen.


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[Bearbeiten] Was ist Anarchismus?

»Können Sie mir kurz erklären«, fragt Ihr Freund, »was Anarchismus ist?« Ich werde es versuchen. Kurz gesagt, der Anarchismus lehrt, daß wir in einer Gesellschaft frei von Zwang irgendwelcher Art leben können.

Ein Leben ohne Zwang bedeutet natürlich Freiheit; das heißt frei zu sein von Druck und Zwang, die Möglichkeit so zu leben, wie es Ihnen gefällt. Solch ein Leben können Sie aber nicht führen, bevor Sie nicht die Institutionen abschaffen, die Ihre Freiheit einschränken und in Ihr Leben eingreifen, sowie die Zustände, die Sie anders handeln lassen, als Sie eigentlich wollen.

Welche Institutionen und Zustände sind das? Lassen Sie uns prüfen, was wir abschaffen müssen, um ein freies und harmonisches Leben führen zu können. Wenn wir erst einmal wissen, was abgeschafft und durch was es ersetzt werden muß, dann werden wir auch einen Weg zur Verwirklichung finden. Was muß also abgeschafft werden, um die Freiheit zu erlangen?

Zuerst natürlich einmal das, was am meisten in Ihr Leben eingreift, was Ihre Handlungsfreiheit stört oder einschränkt; das, was Ihnen die Freiheit nimmt und anders zu leben zwingt, als Sie es nach eigener Wahl tun würden.

Das ist die Regierung. Wenn Sie sie genau überprüfen, werden Sie erkennen, daß die Regierung der schlimmste Störenfried ist; mehr als das, der größte Verbrecher, den die Menschen je gekannt haben. Sie füllt die Welt mit Gewalt Betrug und Täuschung, mit Unterdrückung und Elend aus. Wie ein großer Philosoph einmal sagte: »Ihr Atem ist Gift.« Sie verdirbt alles, was sie anfaßt. »Ja, die Regierung bedeutet Gewalt und ist ein Übel«, geben Sie zu, »aber können wir ohne sie auskommen?«

Genau darüber wollen wir diskutieren. Wenn ich Sie jetzt frage, ob Sie eine Regierung brauchen, so bin ich sicher, daß Sie nein sagen würden, aber daß die anderen sie brauchen. Aber wenn Sie einen der »anderen« fragen, wird er wie Sie antworten: Er wird sagen daß er sie nicht braucht, aber daß sie »für die anderen« notwendig ist. Warum glaubt jeder, daß er auch ohne Polizist anständig genug ist, aber daß der Knüppel »für andere« benötigt wird?

»Die Menschen würden einander berauben und ermorden, wenn es keine Regierung und kein Gesetz gäbe«, sagen Sie. Wenn sie es wirklich tun würden, warum wäre das so? Würden sie es einfach um des Vergnügens willen oder aus einem bestimmten Grund tun? Wenn wir ihre Beweggründe untersuchen, dann werden wir vielleicht ein Heilmittel entdecken.

Stellen Sie sich vor, daß Sie, ich und ein paar andere Schiffbruch erlitten hätten und uns auf einer Insel voll von Früchten aller Art wiederfinden. Natürlich würden wir erst einmal gemeinsam Nahrung sammeln. Aber angenommen, einer von uns würde erklären, daß alles ihm gehöre und keiner nur einen Bissen bekommt, bevor er ihm nicht einen Tribut gezahlt hätte. Wir wären entrüstet, nicht wahr? Wir würden über seine Ansprüche lachen. Wenn er versuchen sollte, deswegen Schwierigkeiten zu machen, würden wir ihn vielleicht ins Meer werfen, und geschähe ihm recht, nicht wahr? Nehmen Sie weiterhin an, daß wir selbst und unsere Vorväter eine Insel kultiviert und mit allem versehen hätten, was zu Leben und Wohlstand notwendig ist, und dann käme einer daher und würde behaupten, daß alles ihm gehöre. Was würden wir sagen? Wir würden ihn ignorieren, nicht wahr? Vielleicht würden wir ihm sagen, daß er seinen Beitrag leisten und sich an der Arbeit beteiligen kann. Aber angenommen, daß er auf seinem Eigentumsrecht besteht und ein Stück Papier vorzeigt und nachweist, daß alles ihm gehöre. Was würden wir sagen? Wir würden ihm sagen, daß er verrückt ist, und wieder unserer Arbeit nachgehen.

Aber wenn er eine Regierung hinter sich stehen hätte, dann würde er sie zum Schutz »seiner Rechte« anrufen, und die Regierung würde Polizisten und Soldaten entsenden, die uns vertreiben und dem »rechtmäßigen Eigentümer« seinen Besitz zurückgeben würden.

Das ist die Funktion der Regierung, dafür ist sie da und so handelt sie ständig. Glauben Sie nun immer noch, daß wir uns ohne dieses Ding, das sich Regierung nennt, gegenseitig berauben und ermorden würden? Ist es nicht eher so, daß wir mit einer Regierung rauben und morden? Weil die Regierung unseren rechtmäßigen Besitz nicht schützt, sondern – im Gegenteil – ihn uns sogar zum Vorteil derer wegnimmt, die kein Recht darauf haben, wie wir schon in früheren Kapiteln gesehen haben. Wenn Sie morgen früh aufwachen und erfahren sollten, daß es keine Regierung mehr gibt, würde dann ihr erster Gedanke sein, auf die Straße zu stürzen und jemand umzubringen? Nein, Sie wissen, daß das Unsinn ist. Wir sprechen über gesunde, normale Menschen. Kranke gehören in die Obhut von Ärzten und Psychiatern und sollten in Krankenhäuser gebracht und behandelt werden. Wenn Sie oder Herr Johnson aufwachen und keine Regierung mehr vorfinden, so wird es eher so sein, daß Sie beide sich eifrig bemühen werden, Ihr Leben den neuen Bedingungen anzupassen.

Es ist natürlich auch sehr gut möglich, daß Sie Essen fordern werden, wenn Sie Menschen sehen, die sich vollstopfen, während Sie hungrig sind; und Sie würden damit vollkommen recht haben. Genauso würde es jeder andere tun. Das heißt, daß die Menschen nicht für jemanden eintreten würden, der all die guten Dinge des Lebens an sich reißt. Sie möchten daran Anteil haben. Das heißt auch, daß die Armen sich weigern würden, weiterhin in Armut zu leben, wahrend die anderen in Luxus schwelgen. Das heißt, der Bauer wird nicht zulassen, daß tausende Hektar Land brachliegen, während er nicht über genug Boden verfügt, um sich und seine Familie zu ernähren. Das heißt, das keinem erlaubt wird, das Monopol an Land oder an den Produktionsmitteln an sich zu reißen. Das heißt, daß privates Eigentum an den Lebensgrundlagen nicht mehr länger toleriert würde. Es würde als das größte Verbrechen angesehen, wenn einige mehr besäßen als sie selbst in mehreren Leben verbrauchen können, während ihre Nachbarn nicht genug Brot für ihre Kinder haben. Das heißt, daß alle Menschen am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben und beitragen, diesen Reichtum zu schaffen. Das heißt nichts weiter, als daß zum ersten mal in der Geschichte Recht, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung statt des Gesetzes siegen würden. Sie sehen also, die Abschaffung der Regierung hat auch die Beseitigung von Monopol und Privateigentum an den Produktions- und Vertriebsmitteln zur Folge.

Daraus folgt, mit der Abschaffung der Regierung verschwinden auch Lohnsklaverei und Kapitalismus, da sie ohne Unterstützung und Schutz der Regierung nicht bestehen können. Ähnlich wie der verrückte Anspruch des Mannes, von dem ich vorher sprach, der ein Monopol auf der Insel ohne Hilfe der Regierung nicht durchsetzen konnte. Der Zustand, in dem Freiheit eine Regierung ersetzt, wäre Anarchie. Und dort, wo gleichberechtigte Nutznießung an die Stelle von Privateigentum tritt, wäre Kommunismus. Es wäre ein kommunistischer Anarchismus.

»Oh, Kommunismus«, ruft Ihr Freund aus, »aber Sie sagten doch, Sie wären kein Bolschewist!« Nein, ich bin kein Bolschewist, denn ein Bolschewist will eine starke Regierung oder einen mächtigen Staat, wogegen der Anarchist Staat oder Regierung ganz und gar abschaffen will. »Aber sind die Bolschewisten keine Kommunisten?« fragen Sie. Doch, die Bolschewisten sind Kommunisten, aber sie brauchen ihre Diktatur, ihre Regierung, um die Menschen zu zwingen, im Kommunismus zu leben. Anarchistischer Kommunismus ist dagegen ein freiwilliger Kommunismus, ein Kommunismus aus freier Wahl. »Ich verstehe den Unterschied, das wäre natürlich wunderbar«, gibt Ihr Freund zu. »Aber halten Sie das wirklich für möglich?«

[Bearbeiten] Ist Anarchie möglich?

»Es wäre nur möglich«, sagen Sie, »wenn wir ohne Regierung leben könnten. Aber geht das?« Vielleicht können wir Ihre Frage am besten beantworten, wenn wir Ihr eigenes Leben untersuchen.

Welche Rolle spielt die Regierung in Ihrem Leben? Hilft sie Ihnen leben? Ernährt, kleidet und beherbergt sie Sie? Brauchen Sie sie als Hilfe bei der Arbeit oder beim Spiel? Wenn Sie krank sind, rufen Sie dann den Arzt oder die Polizei? Kann Ihnen die Regierung größere Fähigkeiten geben, als Sie bereits von Natur aus besitzen?

Betrachten Sie Ihr tägliches Leben und Sie werden feststellen, daß die Regierung in Wirklichkeit keine Rolle darin spielt, außer, wenn es darum geht sich in Ihre ureigenen Angelegenheiten einzumischen, Sie zu gewissen Dingen zu zwingen oder Ihnen andere zu verbieten. Sie zwingt Sie zum Beispiel, Steuern zu zahlen und sie zu unterstützen, ob Sie wollen oder nicht. Sie zwingt Sie, eine Uniform anzulegen und in die Armee einzutreten. Sie greift in Ihr persönliches Leben ein, kommandiert Sie herum, übt Zwang auf Sie aus, schreibt Ihnen Ihr Verhalten vor und behandelt Sie im allgemeinen so, wie es ihr gefällt. Sie sagt Ihnen sogar, was Sie glauben müssen und straft Sie, wenn Sie anders denken oder handeln. Sie bestimmt, was Sie essen und trinken dürfen und verhaftet oder erschießt Sie bei Ungehorsam. Sie befiehlt Ihnen und beherrscht jeden Schritt in Ihrem Leben. Sie behandelt Sie wie ein unartiges, unmündiges Kind, das die strenge Hand eines Behüters braucht. Aber wenn Sie ungehorsam sind, dann werden Sie trotzdem von ihr verantwortlich gemacht.

Wir werden später auf die Einzelheiten eines Lebens in der Anarchie eingehen und sehen, welche Bedingungen und Institutionen in einer solchen Gesellschaftsform bestehen, wie sie funktionieren und welche Auswirkungen sie wahrscheinlich auf den Menschen haben werden.

Jetzt wollen wir erst einmal sicherstellen, ob solch ein Zustand möglich und ob Anarchie praktizierbar ist. Wie verläuft das Leben eines Durchschnittsmenschen heute? Die meiste Zeit verbringen Sie damit, Ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das Verdienen des Lebensunterhalts beansprucht Sie so sehr, daß Ihnen kaum Zeit bleibt zu leben – und das Leben zu genießen. Weder die Zeit noch das Geld. Sie haben Glück, wenn Sie überhaupt eine Unterhaltsquelle, einen Job, haben. Ab und zu kommt eine Flaute: Dann gibt es Arbeitslosigkeit und Tausende werden entlassen – jedes Jahr, in jedem Land.

Diese Zeit bedeutet: Kein Einkommen, keine Löhne. Ihre Folgen sind Sorgen und Entbehrung, Krankheit, Verzweiflung und Selbstmord. Armut und Kriminalität breiten sich aus. Um die Armut zu mildern, bauen wir Wohlfahrtsheime, Armenhäuser, freie Krankenhäuser, die Sie mit Ihren Steuern unterhalten. Um Verbrechen zu verhindern und Kriminelle zu bestrafen, sind Sie es wieder, die Polizei, Detektive, Staatstruppen, Richter, Rechtsanwälte, Gefängnisse und Gefängniswärter finanzieren müssen. Können Sie sich etwas Unsinnigeres und etwas Unpraktischeres vorstellen? Oie Gesetzgeber beschließen Gesetze, die Richter interpretieren sie, die verschiedenen Beamten führen sie aus, die Polizei verfolgt und verhaftet den Kriminellen und schließlich kommt er in den Gewahrsam des Gefängniswärters. Zahllose Personen und Institutionen sind eifrig damit beschäftigt, den arbeitslosen Mann vom Stehlen abzuhalten und ihn zu bestrafen, wenn er es doch versucht. Dann wird er mit den zum Leben nötigen Dingen versorgt, deren Mangel aber überhaupt erst dazu führt, daß er das Gesetz übertrat. Nach kürzerer oder längerer Zeit wird er wieder freigelassen. Falls es ihm nicht gelingt, Arbeit zu finden, beginnt derselbe Kreislauf von Diebstahl, Verhaftung, Gerichtsverhandlung und Gefängnis wieder von vorn.

Dies ist zwar eine grobe aber doch treffende Beschreibung der unsinnigen Beschaffenheit unseres Systems; dumm und ineffektiv. Und Gesetz und Regierung schützen dieses System. Ist es nicht merkwürdig, daß die meisten Menschen glauben, nicht ohne Regierung auskommen zu können, wo doch in Wirklichkeit unser Leben überhaupt keine Verbindung mit ihr und keinen Bedarf an ihr hat und nur dann in Konflikt gerät, wenn das Gesetz und die Regierung in Erscheinung treten?

»Aber werden wir Sicherheit und öffentliche Ordnung«, wenden Sie ein, »ohne Gesetz und Regierung haben? Wer wird uns gegen Kriminelle schützen?« In Wahrheit stellt in Wirklichkeit das, was man »Gesetz und Ordnung« nennt, die größte Unordnung dar, wie wir in den vorangegangenen Kapiteln gesehen haben. Das bisschen Ordnung und Frieden, das wir haben, verdanken wir dem gesunden Menschenverstand, den die Menschen meist trotz Regierung in gemeinsamen Bemühungen entwickeln. Brauchen Sie etwa eine Regierung, die Ihnen sagt, nicht vor ein fahrendes Auto zu laufen? Muß Sie Ihnen vorschreiben, nicht von der Brooklyn-Brücke oder dem Eiffelturm zu springen?

Der Mensch ist ein soziales Wesen: Er kann nicht allein existieren; er lebt in Gemeinden oder Gesellschaften. Gemeinsame Bedürfnisse und gemeinsame Interessen führen zu bestimmten Ordnungen, die uns Sicherheit und Wohlbefinden bieten. Eine solche Zusammenarbeit ist frei, freiwillig; sie bedarf keines Zwanges durch irgendeine Regierung. Sie treten einem Sport- oder Gesangverein bei, weil Ihre Neigungen in dieser Richtung liegen, und Sie arbeiten mit anderen Mitgliedern zusammen, ohne daß Sie jemand dazu zwingt. Der Wissenschaftler, der Schriftsteller, der Künstler und der Erfinder suchen ihresgleichen zur Anregung und gemeinsamen Arbeit: Die Einmischung irgendeiner Regierung oder Autorität kann ihre Vorhaben nur behindern.

Ihr ganzes Leben lang erfahren Sie, daß ihre Bedürfnisse und Neigungen die Menschen zu Vereinigungen, gegenseitigem Schutz und Hilfeleistungen führen. Das ist der Unterschied zwischen Dingen regeln und Menschen regieren, zwischen etwas freiwillig oder aus Zwang tun. Es macht den Unterschied zwischen Freiheit und Zwang aus, zwischen Anarchismus und Regierung, denn Anarchismus bedeutet freiwillige Zusammenarbeit anstatt erzwungener Teilnahme. Er meint Harmonie und Ordnung anstelle von Einmischung und Unordnung.

»Aber wer wird uns vor Verbrechen und Verbrechern schützen?« fragen Sie. Fragen Sie sich lieber, ob uns die Regierung wirklich davor schützt. Schafft und hält die Regierung nicht selbst die Zustände aufrecht, die das Verbrechen fördern? Kultivieren nicht Einmischung und Gewalt, worauf alle Regierungen beruhen, den Geist der Intoleranz und Verfolgung, des Hasses und von noch mehr Gewalt? Steigt das Verbrechen nicht mit dem Anwachsen der durch die Regierung verursachten Armut und Ungerechtigkeit an? Ist die Regierung nicht selbst die größte Ungerechtigkeit und das größte Verbrechen? Kriminalität ist das Ergebnis wirtschaftlicher Bedingungen, sozialer Ungerechtigkeit, von Unrecht und Übel, deren Eltern Regierung und Monopol sind.

Die Regierung und das Gesetz kann den Kriminellen nur strafen. Durch sie wird ein Verbrechen weder gutgemacht noch verhindert. Das einzig richtige Heilmittel gegen Kriminalität wäre die Beseitigung ihrer Ursachen, aber gerade das kann die Regierung niemals tun, denn sie ist ja dazu da, die dafür verantwortlichen Bedingungen zu bewahren. Kriminalität kann nur dadurch ausgemerzt werden, daß man die sie hervorrufenden Zustände abschafft. Eine Regierung kann das nicht.

Anarchismus beseitigt die Zustände. Kriminalität als Ergebnis von Regierung, von ausgeübter Unterdrückung und Ungerechtigkeit, von Ungleichheit und Armut, wird unter einer Anarchie verschwinden. Diese Punkte bedingen den bei weitem größten Prozentsatz des Verbrechens. Gewisse andere Verbrechen werden noch einige Zeit fortbestehen, und zwar solche, die auf Eifersucht, Leidenschaft und dem heute die Welt beherrschenden Geist von Zwang und Gewalt beruhen. Aber diese Abkömmlinge von Gewalt und Besitzanspruch werden unter gesunden Verhältnissen gleichzeitig mit dem Vergehen der sie fördernden Atmosphäre auch allmählich verschwinden.

Anarchie wird daher weder Kriminalität züchten, noch den Boden für ihr Gedeihen bereiten. Gelegentlich vorkommende antisoziale Handlungen werden als Überbleibsel der früheren Zustände und Verhaltensweisen betrachtet werden und eher wie ein krankhafter Geisteszustand als wie ein Verbrechen behandelt. Die Anarchie würde den »Kriminellen« zuallererst verpflegen und ihm Arbeit verschaffen, anstatt ihn zuerst zu beobachten, zu verhaften, vor Gericht zu bringen und einzusperren, um ihn dann endlich zu verpflegen und zusätzlich auch noch die vielen anderen, die ihn beobachten und verpflegen müssen. Sicherlich zeigt gerade dieses Beispiel, wie viel empfindsamer und unkomplizierter das Leben im Anarchismus als das heute wäre.

Die Wahrheit ist, daß die gegenwärtige Lebensweise unpraktisch, kompliziert, verwirrend und in jeder Hinsicht unbefriedigend ist. Darum gibt es so viel Elend und Unzufriedenheit. Der Arbeiter ist unzufrieden, auch der Boß. ist nicht glücklich, denn er lebt in ständiger Angst vor »schlechten Zeiten«, die den Verlust seines Besitzes und seiner Macht mit sich bringen können. Das Gespenst der Angst vor der Zukunft verfolgt die Schritte der Armen genauso wie die der Reichen. Der Arbeiter hat sicherlich durch eine Umwandlung des Zustands mit Regierung und Kapitalismus in einen ohne Regierung, d. h. Anarchie, nichts zu verlieren. Die Mittelklassen sind in ihrer Existenz fast genauso bedroht wie die Arbeiterschaft. Sie sind auf den guten Willen der Hersteller und Großhändler, der großen Industriekonzerne und des Kapitals angewiesen und deswegen ständig von Bankrott und Ruin bedroht.

Selbst der große Kapitalist hat bei einem Wechsel des gegenwärtigen Systems in ein anarchistisches wenig zu verlieren, da darin Leben und Wohlstand eines jeden garantiert werden; die Angst vor dem Wettbewerb würde mit der Abschaffung des Privateigentums verschwinden. Jedem einzelnen würde es unbehindert möglich sein, sein Leben entsprechend seiner Möglichkeiten bis zum äußersten auszuschöpfen und zu genießen. Hinzu kommt noch das Bewußtsein von Frieden und Harmonie, das Gefühl, das mit der Unabhängigkeit von finanziellen und materiellen Sorgen entsteht; die Erkenntnis, daß Sie in einer freundlichen Welt ohne Neid oder Geschäftsrivalitäten leben, die Ihre Gedanken stören; in einer Welt von Brüdern; in einer Atmosphäre der Freiheit und des allgemeinen Wohlstands.

Es ist fast unmöglich, sich all die großartigen Möglichkeiten auszudenken, die sich den Menschen in einer Gesellschaft des kommunistischen Anarchismus eröffnen würden. Der Wissenschaftler könnte sich völlig seiner geliebten Forschung widmen, ohne sich um sein tägliches Brot sorgen zu müssen. Dem Erfinder würde jede Anlage zur Verfügung stehen, um mit seinen Entdeckungen und Erfindungen die Menschlichkeit zu fördern. Der Schriftsteller, der Dichter, der Künstler – sie alle würden auf den Flügeln der Freiheit und gesellschaftlichen Harmonie zu größeren Leistungen getragen.

Erst dann würden Gerechtigkeit und Recht zu dem werden, was sie eigentlich sein sollen. Unterschätzen sie nicht die Rolle dieser Empfindungen im Leben eines Menschen oder eines Volkes. Wir leben nicht von Brot allein. Richtig, nur wenn wir unsere körperlichen Bedürfnisse befriedigen können, ist unsere Existenz gesichert. Aber deren Befriedigung macht nur einen Teil des Lebens aus. Unser gegenwärtiges Kultursystem hat, indem es Millionen ausstößt, den Bauch sozusagen zum Mittelpunkt des Universums gemacht. Da eine vernünftige Gesellschaftsform so geartet ist, daß alle reichlich versorgt werden, stellt die Erhaltung der bloßen Existenz definitionsgemäß kein Problem dar, d. h. der gesicherte Unterhalt ist so selbstverständlich und frei verfügbar wie die Luft zum Atmen. Die Gefühle menschlicher Sympathie, für Gerechtigkeit und Recht würden sich entwickeln können, befriedigt werden, sich erweitern und wachsen können. Sogar heute ist der Sinn für Gerechtigkeit und Fairneß in den Herzen der Menschen, trotz jahrhundertelanger Repression und Perversion noch lebendig. Er ist nicht ausgerottet worden und kann auch nicht ausgerottet werden, weil er dem Menschen wie ein Instinkt angeboren ist, so stark wie der Selbsterhaltungstrieb und genauso wichtig für unser Glück ist. Denn nicht alles Elend auf der heutigen Welt ist durch Fehlen von materiellem Wohlstand bedingt. Die Menschen können Hunger eher ertragen als das Wissen um Ungerechtigkeit. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, wird sie genauso schnell und vielleicht noch schneller zu Protest und Rebellion treiben als Hunger. Hunger kann die unmittelbare Ursache für eine Rebellion oder einen Aufstand sein, aber dahinter steht die schlummernde Feindschaft und der Haß der Massen gegen jene, durch deren Hand sie Ungerechtigkeit und Unrecht erleiden müssen. In Wahrheit spielen Recht und Gerechtigkeit eine weit wichtigere Rolle in unserem Leben, als allgemein angenommen wird. Die das bestreiten wollen, wissen über die menschliche Natur genauso wenig wie über die Geschichte. Tagtäglich sehen Sie immer wieder Menschen, die sich über etwas empören, was sie als Unrecht ansehen. »Das ist nicht richtig«, lautet der instinktive Protest eines Menschen, der sich ungerecht behandelt fühlt. Sicherlich hängt die Auffassung von Recht und Unrecht jedes einzelnen von seiner Tradition, Umgebung und Erziehung ab.

Aber welche Vorstellungen er auch haben mag, ihn läßt sein naturgegebener Instinkt alles ablehnen, was er als falsch und ungerecht ansieht. Auch historisch gesehen bleibt das wahr. Mehr Aufstände und Kriege sind für die Idee von Recht und Unrecht, als aus materiellen Gründen begonnen worden. Marxisten mögen einwenden, daß unsere Ansichten über Recht und Unrecht ebenfalls durch ökonomische Bedingungen geformt werden, aber das ändert nichts an der Tatsache, daß der Sinn für Recht und Gerechtigkeit Menschen bis hin zu Heldentum und Selbstaufopferung begeistert hat

Die Christen und Buddhisten wurden nie von materiellen Überlegungen geleitet, sondern nur von ihrer Hingebung an Recht und Gerechtigkeit. Die Bahnbrecher neuer Ideen haben Verleumdung, Verfolgung und sogar den Tod nicht aus egoistischen Motiven auf sich genommen, sondern weil sie von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt waren. Menschen wie Johann Hus, Luther, Bruno, Savonarola, Galilei und zahllose andere religiöse und dem Sozialismus ergebene Idealisten kämpften und starben für die von ihnen als gerecht erkannte Sache. Ebenso haben Menschen in Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Dichtung und Erziehung von Sokrates bis hin in die moderne Zeit ihr Leben in den Dienst der Wahrheit und Gerechtigkeit gestellt.

Im Bereich des politischen und sozialen Fortschritts haben sich die edelsten Menschen, beginnend mit Moses und Spartakus, Idealen wie Freiheit und Gleichheit geweiht. Die unwiderstehliche Macht eines Idealismus findet sich nicht nur bei herausragenden Individuen. Die Massen wurden dadurch immer schon begeistert. Beispielsweise begann der amerikanische Unabhängigkeitskrieg mit einer allgemeinen Empörung in den Kolonien über die Ungerechtigkeit einer Besteuerung, die ohne jegliches Mitspracherecht vom Mutterland festgesetzt wurde. Zweihundert Jahre lang versuchten Christen das Heilige Land in Kreuzzügen für die Christenheit zu erobern. Dieses religiöse Ideal begeisterte sechs Millionen Menschen, sogar Armeen von Kindern, die im Namen von Recht und Gerechtigkeit unsagbaren Mühsalen, Seuchen und Tod trotzten. Sogar im letzten Weltkrieg, so kapitalistisch er in Ursache und Ergebnis auch gewesen ist, kämpften Millionen Menschen im tiefen Glauben, daß er für eine gerechte Sache, für Demokratie und zur Beendigung aller Kriege geführt wurde. So hat der Sinn für Gerechtigkeit und Recht die Menschen individuell und kollektiv in ihrer gesamten Geschichte, sowohl der weit zurückliegenden als auch der modernen, zu Taten der Selbstaufopferung und Hingabe begeistert und sie weit über die Eintönigkeit des täglichen Lebens erhoben. Es ist natürlich tragisch, daß dieser Idealismus sich in Verfolgung und Gewalt äußerte, aber die Bösartigkeit und der Egoismus der Könige, Priester und Herrscher, die Unwissenheit und der Fanatismus führte dazu. Trotzdem war der Geist, von dem die Menschen erfüllt waren, der von Recht und Gerechtigkeit. Die in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen beweisen, daß dieser Geist immer lebendig bleibt und im gesamten Bereich des menschlichen Lebens einen machtvollen und beherrschenden Faktor darstellt.

Die gegenwärtigen Zustände schwächen und verfälschen dieses höchst edle Merkmal der Menschen, pervertieren seine Manifestation und verdrehen es in Richtung von Intoleranz, Verfolgung, Haß, und Streit. Aber wenn der Mensch erst einmal von den korrumpierenden Einflüssen materieller Interessen befreit ist, aus Unwissenheit und Klassenfeindschaft herausgeholt wird, dann wird sein angeborener Sinn für Recht und Gerechtigkeit neue Ausdrucksformen finden, Formen, die zu größerer Brüderlichkeit und gutem Willen, zu individuellem Frieden und sozialer Harmonie führen.

Nur in der Anarchie könnte sich diese Geisteshaltung voll entwickeln. Befreit vom herabwürdigenden und brutalisierenden Kampf um unser tägliches Brot würden sich, da alle in gleicher Weise an Arbeit und Wohlstand teilhaben, die besten Qualitäten des menschlichen Wesens und Verstandes entwickeln können und nützliche Anwendung finden. Der Mensch würde dann in der Tat zu dem edlen Werk der Natur werden, das er sich bisher nur in seinen Träumen ausmalen konnte. Aus diesen Gründen ist Anarchie nicht nur das Ideal für einen bestimmten Menschen oder eine bestimmte Klasse, sondern für die ganze Menschheit, weil sie im erweiterten Sinne uns allen dienen würde. Denn Anarchismus ist der Ausdruck für einen universalen, immerwährenden Wunsch der Menschheit. Darum müßte jeder Mann und jede Frau ein vitales Interesse haben, die Anarchie zu verwirklichen. Sie würden es sicherlich tun, wenn sie nur die Schönheit und Gerechtigkeit dieses neuartigen Lebens begreifen könnten. Jedes menschliche Wesen, dem es nicht an Gefühl und gesundem Menschenverstand mangelt, neigt zum Anarchismus. Jeder, der unter Unrecht und Ungerechtigkeit, unter Bösartigkeit, Korruption und Gemeinheit unseres heutigen Lebens leidet, sympathisiert instinktiv mit der Anarchie. Jeder, dessen Herz nicht abgestorben ist im Hinblick auf Güte, Mitleid und Nächstenliebe, muß daran interessiert sein, sie zu fördern. Jeder, der Armut und Elend, Tyrannei und Unterdrückung erduldet, müßte das Herannahen der Anarchie begrüßen. Alle, die Freiheit und Gerechtigkeit lieben, sollten zu ihrer Verwirklichung beitragen.

Allen voran und am stärksten müßten alle Unterworfenen und Unterdrückten in der Welt ein Interesse daran haben. Jene, die Paläste bauen und in Elendshütten leben; jene, die den Tisch des Lebens decken, aber nicht an der Mahlzeit teilnehmen dürfen; jene, die den Reichtum der Welt schaffen und enteignet werden; jene, die das Leben mit Freude und Sonnenschein erfüllen, aber selbst in den Tiefen der Dunkelheit verachtet zurückbleiben; der Samson des Lebens, der seiner Kraft durch Angst und Unwissenheit beraubt ist; der hilflose Riese Arbeiterschaft, das Proletariat der Intelligenz und Muskeln, die Massen in Industrie und Landwirtschaft – sie alle müßten die Anarchie freudig begrüßen. Für sie besitzt der Anarchismus die größte Anziehungskraft; sie sind es, die als erste und an erster Stelle auf den neuen Tag hinarbeiten müssen, der ihnen ihr Erbe zurückgeben und Freiheit und Wohlstand, Freude und Sonnenschein für die ganze Menschheit bringt. »Eine herrliche Sache«, bemerken Sie, »aber wird das funktionieren? Und wie sollen wir das erreichen?«

[Bearbeiten] Wird der kommunistische Anarchismus funktionieren?

Wie wir in den vorangegangenen Kapiteln gesehen haben, kann das Leben nicht frei und gesichert, harmonisch und befriedigend sein, wenn es nicht auf den Prinzipien von Gerechtigkeit und Fairness beruht. Gleiche Freiheit und gleiche Chancen sind die erste Voraussetzung für Gerechtigkeit.

Mit Regierung und Ausbeutung sind weder gleiche Freiheiten noch Chancengleichheit möglich – daher all das Übel und Leiden in unserer heutigen Gesellschaft. Der kommunistische Anarchismus beruht auf der Einsicht in diese unumstößliche Wahrheit. Er ist auf dem Prinzip der Nichteinmischung und der Zwanglosigkeit gegründet; in anderen Worten, auf Freiheit und Selbstverwirklichung. Ein Leben auf dieser Basis erfüllt die Vorstellungen von Gerechtigkeit vollkommen. Sie werden in völliger Freiheit leben und jeder andere wird die gleiche Freiheit genießen, keiner wird also das Recht haben, andere zu nötigen oder zu zwingen, denn Zwang jeglicher Art stellt eine Einmischung in ihre Freiheit dar.

Gleichermaßen steht allen die Möglichkeit der Selbstverwirklichung zu. Monopol und Privatbesitz an den Lebensgrundlagen werden daher als Beschränkung der allen zukommenden Chancengleichheit abgeschafft. Nur wenn wir dieses einfache Prinzip der gleichen Freiheit und Möglichkeit nicht vergessen, werden wir die beim Aufbau des kommunistischen Anarchismus als Gesellschaftsform auftretenden Probleme lösen können. In politischer Hinsicht wird dann kein Mensch eine Autorität anerkennen, die ihn nötigen oder zwingen kann. Die Regierung wird abgeschafft.

In wirtschaftlicher Hinsicht wird er keinen exklusiven Besitz an den Lebensgrundlagen zulassen, um sich selbst deren freie Nutzung zu erhalten. Das Monopol an Land, der Privatbesitz von Produktionsanlagen, von Vertriebs- und Kommunikationsmitteln kann daher in der Anarchie nicht toleriert werden. Die zum Leben nötigen Dinge müssen jedem frei zugänglich bleiben. Zusammengefaßt bedeutet kommunistischer Anarchismus also: Die Abschaffung von Regierung und von zwangausübender Autorität in all ihren Spielarten. Gemeinsames Eigentum – das heißt, freie und gleiche Beteiligung an der allgemeinen Arbeit und am allgemeinen Wohlstand. »Sie sagen, daß die Anarchie Gleichheit in wirtschaftlicher Hinsicht garantiert«, bemerkt Ihr Freund. »Heißt das gleiche Entlohnung für alle?« Ja, das heißt es. Oder, was auf dasselbe hinausläuft, gleiche Beteiligung am öffentlichen Wohlstand. Denn, wie wir schon wissen, ist Arbeit eine Sache der ganzen Gesellschaft. Niemand kann alles durch eigenes Bemühen allein schaffen. Wenn also die Arbeit sozial ist, muß ihr Resultat, der erwirtschaftete Reichtum, selbstverständlich auch sozial sein und der Gemeinschaft gehören. Aus diesem Grund kann niemand einen Alleinbesitz von gesellschaftlichem Reichtum beanspruchen, in dessen Genuß ja alle gleichermaßen kommen sollen.

»Aber warum wird nicht jeder entsprechend dem Wert seiner Arbeit entlohnt?« fragen Sie. Weil es kein Verfahren gibt, mit dem Wert gemessen werden kann. Das ist der Unterschied zwischen Wert und Preis. Der Wert einer Sache wird durch ihren Stellenwert bestimmt, während der Preis angibt, wofür sie auf dem Markt gekauft oder verkauft werden kann. Was eine Sache wert ist, kann niemand wirklich sagen. Volkswirtschaftler geben im allgemeinen den Wert einer Ware als Summe der Arbeit an, die für ihre Produktion aufgewendet werden muß; Marx spricht von »gesellschaftlich notwendiger Arbeit«. Aber offensichtlich ist das kein gerechter Maßstab. Angenommen, ein Tischler arbeitet drei Stunden, um einen Küchenstuhl herzustellen, während ein Arzt nur eine halbe Stunde braucht, um eine Ihr Leben rettende Operation auszuführen. Wenn die Summe der aufgewandten Arbeit den Wert bestimmt, dann ist der Stuhl mehr wert als Ihr Leben. Das ist natürlich offenkundiger Unsinn. Selbst wenn Sie die Jahre des Studiums und der Praxis mitzählen, die den Arzt zu der Operation befähigten, wie wollen Sie dann entscheiden, wieviel »eine Operationsstunde« wert ist? Der Tischler und der Maurer mußten auch lernen, bevor sie ihre Arbeit sicher beherrschten, aber Sie berücksichtigen diese Jahre der Lehrzeit nicht, wenn Sie sie mit einer Arbeit beauftragen. Außerdem ist die besondere Fähigkeit und Neigung in Betracht zu ziehen, die jeder Arbeiter, Schriftsteller, Künstler oder Arzt bei seiner Arbeit einsetzen muß. Dieser Faktor hängt allein von der einzelnen Person ab.

Wie wollen Sie diesen Wert einschätzen? Wert kann deswegen nicht bestimmt werden. Ein und dieselbe Sache mag für eine Person viel wert sein, während sie für eine andere gar keinen oder nur geringen Wert besitzt. Selbst für ein und dieselbe Person mag sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten viel oder wenig wert sein. Ein Diamant, ein Gemälde oder ein Buch mag für den einen sehr viel und für den anderen sehr wenig wert sein. Ein Laib Brot wird Ihnen viel wert sein, wenn Sie hungrig sind und viel weniger, wenn Sie es nicht sind. Selbstverständlich läßt sich der wirkliche Wert einer Sache nicht bestimmen, wenn es sich um eine unbekannte Größe handelt. Der Preis jedoch kann leicht ermittelt werden. Wenn es fünf Laibe Brot gibt und zehn Personen wollen aber je einen kaufen, dann wird der Brotpreis steigen. Er wird aber fallen, wenn zehn Laibe Brot vorhanden sind und fünf Käufer nur je einen erwerben wollen. Der Preis hängt von Angebot und Nachfrage ab. Der Warenaustausch anhand von Preisen führt zu Profitmache, zu Übervorteilung und Ausbeutung; in wenigen Worten: Zu irgendeiner Form des Kapitalismus. Wenn Sie die Profite beseitigen wollen, dann können Sie weder ein Preis- noch ein Lohn- oder Gehaltsystem beibehalten. Das heißt, daß der Austausch entsprechend dem Wert erfolgen muß. Aber da der Wert unsicher oder nicht bestimmbar ist, muß der Warenaustausch auf freier Basis erfolgen, ohne einen »gleichen Wert«, denn so etwas gibt es nicht. In anderen Worten heißt das, die Arbeit und ihr Produkt müssen ohne Preis und ohne Profit frei und entsprechend ihrer Notwendigkeit ausgetauscht werden. Das führt logischerweise zu öffentlichem Eigentum und gemeinsamem Gebrauch. Dieses vernünftige und gerechte System ist als Kommunismus bekannt.

»Aber ist das gerecht, wenn alle dasselbe bekommen?« fragen Sie. Der Intellektuelle und der Dummkopf, der Fleißige und der Faule, alle dasselbe? Sollte man nicht die Fähigen auszeichnen und besonders anerkennen?«

Lassen Sie mich die Gegenfrage stellen, mein Freund, sollen wir den Menschen noch bestrafen, der von der Natur nicht so großzügig ausgestattet worden ist wie sein stärkerer und talentierterer Nachbar? Sollen wir zu der ihm von der Natur auferlegten Behinderung noch weitere Ungerechtigkeiten hinzufügen? Alles, was wir vernünftigerweise von einem Menschen erwarten können, ist doch, daß er sein Bestes tut – kann jemand überhaupt mehr tun? Wenn das Beste von John nicht so gut ist wie das seines Bruders Jim, dann ist das Johns Mißgeschick, aber auf keinen Fall eine Schuld, die bestraft werden muß.

Es gibt nichts Gefährlicheres als Diskriminierung. In dem Augenblick, in dem Sie den weniger Fähigen diskriminieren, legen Sie den Grundstein zu Unzufriedenheit und Empörung: Sie fordern Neid, Uneinigkeit und Streit heraus. Sie würden es für brutal halten, wenn den weniger Fähigen die benötigte Luft und das Wasser entzogen würde. Sollte dasselbe Prinzip nicht auch auf die anderen Bedürfnisse der Menschen angewendet werden? Trotz allem machen Nahrung, Kleidung und Wohnung nur den kleinsten Posten in der Weltwirtschaft aus. Nicht durch Diskriminierung kann jemand dazu gebracht werden, daß er sein Bestes tut, sondern indem man ihn ebenso wie alle anderen behandelt. Das ist die wirksamste Ermutigung und der beste Ansporn. Das ist gerecht und menschlich. »Aber was werden Sie mit den faulen Leuten tun, jenen, die nicht arbeiten wollen?« fragt Ihr Freund.

Das ist eine interessante Frage und Sie werden sicherlich sehr erstaunt sein, wenn ich sage, daß es so etwas wie Faulheit in Wirklichkeit nicht gibt. Was wir einen faulen Menschen nennen, ist gemeinhin ein Mensch am falschen Platz. Das heißt, der richtige Mann ist am falschen Platz. Sie werden immer feststellen können, daß der an den falschen Platz gestellte Mensch träge und wenig leistungsfähig ist. Denn die sogenannte Faulheit und ein großer Teil von Untüchtigkeit sind nichts anderes als geringe Eignung und falscher Einsatz. Wenn Sie etwas machen müssen, wozu Sie sich aus Mangel an Talent und Begeisterung nicht eignen, werden Sie wenig leisten; wenn Sie gezwungen werden, uninteressante Arbeiten auszuführen, werden Sie faul sein.

Jeder, der einmal einen Betrieb geführt hat, in dem eine große Anzahl von Menschen beschäftigt war, kann das bestätigen. Das Leben im Gefängnis liefert einen besonders überzeugenden Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung – und letztlich stellt die heutige Lebensform für die meisten Menschen nichts anderes als ein größeres Gefängnis dar. Jeder Gefängniswärter kann Ihnen bestätigen, daß Gefangene immer dann faul und ständigen Bestrafungen ausgesetzt sind, wenn ihnen Aufgaben übertragen werden, für die sie sich nicht eignen oder interessieren. Aber sobald diesen »widerspenstigen Sträflingen« eine Arbeit zugewiesen wird, die ihren Neigungen entspricht, dann werden sie »Mustermenschen«, wie die Gefängniswärter sie nennen.

Auch Rußland hat die Wahrheit dieser Tatsache in bemerkenswerter Weise demonstriert. Dort konnte man erfahren, wie wenig wir über menschliches Verhalten und über den Einfluß der Umwelt darauf wissen – wie wir falsche Voraussetzungen als schlechtes Verhalten mißdeuten. Russische Flüchtlinge, die im Ausland ein elendes und unbedeutendes Leben geführt hatten, leisteten nach ihrer Heimkehr und nachdem sie erkannt hatten, daß die Revolution ihren Aktivitäten freien Raum gab, Großartiges in ihren Arbeitsgebieten, sie entwickelten sich zu brillanten Organisatoren und Erbauern von Eisenbahnen und Industrien. Unter den heutzutage im Ausland weithin bekannten Namen von Russen gibt es viele, deren Träger unter den früheren Lebensbedingungen als faul und nicht leistungsfähig galten, deren Fähigkeiten und Energien aber nur kein geeignetes Betätigungsfeld gefunden hatten. Das ist menschliches Wesen: Leistungsfähigkeit auf einem bestimmten Gebiet bedeutet Neigung und Begabung dafür; Fleiß und Eifer signalisieren Interesse. Das ist der Grund, weswegen in der heutigen Welt die Faulheit so verbreitet und die Leistungsfähigkeit so gering ist. Denn wer steht heute schon am richtigen Platz? Wer hat eine Arbeit, in der er aufgeht und die ihn wirklich interessiert?

Unter den gegenwärtigen Bedingungen hat der Durchschnittsmensch kaum die Möglichkeit, sich einer seinen Neigungen und Vorzügen entsprechenden Aufgabe zu widmen. Die gesellschaftliche Position, in die Sie zufällig hineingeboren werden, bestimmt im allgemeinen Ihr Gewerbe oder Ihren Beruf im voraus. Der Sohn eines Finanziers wird in der Regel nicht Holzfäller, obwohl er vielleicht besser mit Baumstämmen als mit Bankkonten umgehen kann. Die Mittelklasse schickt ihre Kinder auf Hochschulen, damit sie Ärzte, Juristen oder Ingenieure werden. Aber falls Ihre Eltern Arbeiter sein sollten, die es sich nicht leisten können, Sie studieren zu lassen, werden Sie wahrscheinlich irgendeinen Ihnen angebotenen Job annehmen oder irgendein Handwerk erlernen, in dem zufällig eine Lehrstelle frei ist. Ihre besondere Situation wird über Ihre zukünftige Arbeit oder Beruf entscheiden und nicht Ihre Begabungen, Neigungen oder Fähigkeiten. Ist es dann noch überraschend, daß die meisten Menschen, und zwar die überwiegende Mehrheit, tatsächlich am falschen Platz eingesetzt ist? Fragen Sie die nächsten hundert Menschen, die Ihnen begegnen, ob sie sich ihre jetzige Arbeit wieder ausgesucht hätten oder sie sogar beibehalten möchten, wenn ihnen die Freiheit gegeben wäre zu wählen. Neunundneunzig von ihnen werden zugeben, daß sie lieber eine andere Beschäftigung vorziehen. Armut und materielle Vorteile oder auch nur ein Hoffen auf materielle Vorteile halten die meisten Menschen am falschen Arbeitsplatz fest.

Es leuchtet ein, daß eine Person ihr Bestes nur geben kann, wenn sie sich für die Arbeit interessiert, wenn sie sich dazu auf natürliche Weise hingezogen fühlt und wenn sie ihr gefällt. Dann wird sie fleißig und tüchtig sein. Die Dinge, die der Handwerker in der Zeit vor dem modernen Kapitalismus erstellte, waren Gegenstände der Freude und Schönheit, weil der Handwerker seine Arbeit liebte. Können Sie von dem modernen Arbeitstier in der modernen Fabrik erwarten, daß es schöne Dinge herstellt? Es ist Teil der Maschine, ein Rädchen in der seelenlosen Industrie und seine Arbeit erfolgt mechanisch und erzwungen. Hinzu kommt noch das Gefühl des Arbeiters, nicht für sich selbst, sondern für den Profit eines anderen zu arbeiten, er haßt diesen Job oder hat zumindest kein anderes Interesse daran, als daß er ihm seinen wöchentlichen Lohn garantiert. Das Ergebnis ist Drückebergerei, mangelnde Leistungsfähigkeit und Faulheit.

Das Aktivitätsbedürfnis ist einer der fundamentalsten menschlichen Triebe. Wenn Sie ein Kind beobachten, werden Sie seinen starken Instinkt erkennen zu handeln, sich zu bewegen oder etwas zu tun. Kraftvoll und stetig. Genauso steht es mit dem gesunden Menschen. Seine Energie und Vitalität fordern Ausdrucksmöglichkeiten. Gestatten Sie ihm, die von ihm selbstgewählte Arbeit oder geliebte Dinge zu tun, so wird sein Eifer weder Überdruß noch Drückebergerei kennen. Das können Sie beim Fabrikarbeiter beobachten, der das Glück hat, einen Garten oder ein Stück Land zu besitzen, wo er Blumen oder Gemüse züchten kann. So erschöpft er von seiner Plackerei auch sein mag, hat er doch noch Freude an der härtesten Arbeit, die er zum eigenen Vergnügen und aus freier Wahl ausführt.

Im Anarchismus wird jeder die Möglichkeit haben, der seinen natürlichen Neigungen und Fähigkeiten entsprechenden Beschäftigung nachzugehen. Anders als die betäubende Plackerei heute wird Arbeit dann zum Vergnügen werden. Faulheit wird unbekannt und die mit Interesse und Liebe geschaffenen Dinge werden Gegenstände der Schönheit und Freude sein.

Aber kann denn Arbeit jemals zum Vergnügen werden?« fragen Sie. Arbeit bedeutet heute Schufterei und ist unangenehm, ermüdend und langweilig. Aber gewöhnlich ist es nicht die Arbeit, die so hart ist: Die Bedingungen, unter denen Sie zur Arbeit gezwungen werden, machen diese so hart. Besonders die lange Zeit, die unhygienischen Werkstätten, die schlechte Behandlung, die unzureichende Bezahlung usw. Sogar die unangenehmste Arbeit könnte durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen erleichtert werden. Nehmen wir beispielsweise die Kanalreinigung. Es ist eine schmutzige und erbärmlich bezahlte Arbeit. Aber nähmen wir zum Beispiel an, daß Sie anstatt 5 Dollar pro Tag 20 Dollar dafür bezahlt bekämen. Dann würden Sie Ihren Job sofort als viel einfacher und angenehmer empfinden. Die Zahl der Bewerber für diese Arbeit würde sofort ansteigen. Das bedeutet doch, daß Menschen nicht faul sind und harte oder unangenehme Arbeiten nicht scheuen, wenn diese nur angemessen belohnt werden. Aber solch eine Beschäftigung wird als niedrig erachtet und man sieht auf sie herab. Warum gilt sie als niedrig? Ist sie nicht außerordentlich nützlich und unbedingt notwendig? Würden nicht ohne Straßen- und Kanalreiniger Epidemien über unsere Stadt kommen? Ganz gewiß sind diese Menschen, die unsere Stadt sauber und rein halten, wahre Wohltäter und für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen noch wichtiger als der Familiendoktor. Vom Standpunkt der Nützlichkeit für die Gesellschaft ist der Straßenreiniger ein Berufskollege des Arztes: Der letztere behandelt uns, wenn wir krank sind, während der erstere dafür sorgt, daß wir gesund bleiben. Trotzdem schaut man zu dem Arzt auf und achtet ihn, wohingegen der Straßenreiniger geringschätzig behandelt wird. Warum? Weil die Arbeit des Straßenreinigers schmutzig ist? Aber der Chirurg muß oft noch viel »schmutzigere« Arbeiten durchführen. Warum wird also der Straßenreiniger verachtet? Weil er wenig verdient.

In unserer perversen Zivilisation werden alle Dinge am Maßstab Geld gemessen. Nützlichste Arbeit leistende Menschen stehen auf der untersten sozialen Stufe, wenn ihre Beschäftigung schlecht bezahlt wird. Sollte jedoch etwas geschehen, was dazu führt, daß die Straßenreiniger l00 Dollar pro Tag erhalten, während der Doktor 50 Dollar verdient, dann würde der »dreckige« Straßenreiniger sofort in der Achtung und der gesellschaftlichen Rangordnung steigen, aus dem »schmutzigen Arbeiter« würde der vielumworbene Mann mit dem guten Einkommen werden. Sie sehen also, daß heute – in unserem auf Profit ausgerichteten System – die Bezahlung, die Entlohnung, die Lohnskala und nicht etwa Wichtigkeit oder Nützlichkeit den Wert einer Arbeit ebenso wie den »Wert« des Menschen bestimmen. Eine vernünftige Gesellschaftsordnung – unter anarchistischen Bedingungen – würde in solchen Dingen völlig andere Maßstäbe in der Beurteilung anlegen. Menschen werden dann entsprechend ihrer Bereitwilligkeit, der Gesellschaft nützlich zu sein, eingeschätzt.

Können Sie sich vorstellen, welch gewaltige Veränderungen solch eine neue Haltung mit sich bringen würde? Jeder sehnt sich nach Achtung und Anerkennung seitens seiner Mitmenschen: Das ist ein Elixier, ohne das wir nicht leben können. Sogar im Gefängnis konnte ich beobachten, wie der gerissene Taschendieb oder Geldschrankknacker nach Anerkennung durch seine Freunde lechzte und wie sehr er sich bemühte, ihre Hochachtung zu erlangen. Die Meinung unserer Mitmenschen über uns beherrscht unser Verhalten. Die soziale Atmosphäre bestimmt zu einem hohen Grad unsere Wertvorstellung und unser Verhalten. Ihre persönliche Erfahrung wird Ihnen zeigen, wie wahr das ist. Sie werden darum auch nicht überrascht sein, wenn ich behaupte, daß sich in einer anarchistischen Gesellschaft die Menschen eher um die am meisten nützliche und schwierige Arbeit als um den leichteren Job bemühen werden. Wenn Sie das berücksichtigen, werden Sie keine Bedenken mehr bezüglich Faulheit und Drückebergerei haben. Zudem könnte auch das härteste und lästigste Tagewerk unter leichteren und besseren Arbeitsbedingungen erledigt werden, als es heute der Fall ist. Wenn der kapitalistische Arbeitgeber es vermeiden kann, wird er kein Geld ausgeben, um seinen Angestellten die Arbeit angenehmer und leichter zu machen. Er wird Verbesserungen nur einführen, wenn er sich dadurch größeren Gewinn erhofft, aber aus rein humanitären Gründen wird er sich nicht in Extraausgaben stürzen. Gleichwohl möchte ich Sie an dieser Stelle daran erinnern, daß intelligentere Arbeitgeber allmählich begreifen, daß es sich auszahlt, wenn sie ihre Fabriken verbessern, sie in sanitärer und hygienischer Hinsicht ausbauen und allgemein die Arbeitsbedingungen erleichtern. Sie erkennen, daß das eine gute Anlage ist: Das Ergebnis ist steigende Zufriedenheit und folglich eine größere Leistungsfähigkeit ihrer Arbeiter. Das Prinzip ist gut. Heute wird es natürlich nur zum Zweck des größeren Profits ausgenutzt. Aber im Anarchismus würde es nicht um des persönlichen Profits willen angewandt werden, sondern im Interesse der Gesundheit des Arbeiters und zur Erleichterung seiner Arbeit. Unser technischer Fortschritt ist so groß und anhaltend, daß der größte Teil der Schwerstarbeit durch moderne Maschinen und arbeitssparende Anlagen getan werden könnte. In vielen Industrien, wie zum Beispiel dem Bergbau, werden neue Sicherheitsvorkehrungen und sanitäre Anlagen nicht eingeführt, weil den Arbeitgebern das Wohlergehen der Arbeitnehmer gleichgültig ist und weil sie die dafür notwendigen Ausgaben nicht machen wollen. In einem System aber, das nicht profitorientiert ist, würde die technische Wissenschaft nur das Ziel im Auge haben, die Arbeit sicherer, gesünder, leichter und angenehmer zu machen.

»Aber wie leicht Sie die Arbeit auch machen, es ist doch kein Vergnügen, acht Stunden am Tag zu arbeiten«, wendet Ihr Freund ein. Da haben Sie vollkommen recht. Aber haben Sie jemals nachgedacht, warum wir acht Stunden pro Tag arbeiten? Wissen Sie, daß vor noch gar nicht so langer Zeit die Menschen zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag schufteten und daß das noch heute in rückständigen Ländern wie China und Indien der Fall ist? Es kann statistisch nachgewiesen werden, daß höchstens drei Stunden Arbeit pro Tag ausreichen würden, um die Menschen zu ernähren, zu beherbergen, zu kleiden und nicht nur mit dem unbedingt Notwendigen auszustatten, sondern auch mit allem modernen Lebenskomfort. Der Punkt ist doch der, daß heute nicht einer von fünf Menschen produktive Arbeit leistet. Die gesamte Welt wird von einer kleinen Minderheit von Schwerarbeitern ausgehalten.

Schauen wir uns zuerst einmal die in der heutigen Gesellschaft verrichteten Arten von Arbeit an, die unter anarchistischen Bedingungen unnötig wären. Nehmen Sie die Armee- und Marineeinheiten der ganzen Welt und überlegen Sie, wie viele Millionen Menschen für nützliche und produktive Arbeiten freigestellt wären, wenn erst einmal der Krieg abgeschafft sein würde, was in der Anarchie selbstverständlich der Fall wäre. In jedem Land versorgen die Arbeiter Millionen, die nichts zum Wohlstand des Landes beitragen, die nichts schaffen und keinerlei nützliche Arbeit verrichten.

Diese Millionen sind nur Verbraucher, ohne in irgendeiner Weise Hersteller zu sein. In den Vereinigten Staaten gibt es beispielsweise bei einer Bevölkerung von 120 Millionen einschließlich der Bauern weniger als 30 Millionen Arbeiter. In der Regel ist die Situation in jedem Land gleichartig. Ist es da noch erstaunlich, daß die Arbeiter viele Stunden lang schuften müssen, wenn unter 120 Menschen nur 30 Arbeiter sind? Die großen Unternehmerkreise mit ihren Angestellten, Assistenten, Agenten und Handlungsreisenden, die Gerichte mit ihren Richtern, Protokollführern, Gerichtsvollziehern usw.; die Legionen von Anwälten mit ihren Angestellten; die Miliz und Polizei; die Kirchen und Klöster; die Wohlfahrtsvereine und Armenhäuser; die Gefängnisse mit ihren Wärtern, Beamten und den unproduktiven Gefangenen; die Armee der Werbeleute und ihren Helfern, deren Aufgabe es einzig und allein ist, Sie zum Kauf von etwas zu verführen, was Sie nicht haben wollen oder brauchen können, ganz zu schweigen von den zahllosen Menschen, die luxuriös in absolutem Müßiggang leben. Sie gehen in die Millionen in jedem Land. Wenn also all diese Millionen sich einer nützlichen Arbeit widmen würden, müßte sich dann der Arbeiter acht Stunden pro Tag schinden? Wenn 30 Männer acht Stunden für die Erledigung einer bestimmten Aufgabe benötigen, in wieviel Stunden weniger würden 120 Männer dieselbe Aufgabe bewältigen? Ich will Sie nicht mit Statistiken belasten, aber die vorhandenen Daten reichen für den Nachweis aus, daß drei Stunden physischer Anstrengung pro Tag und Person ausreichen würden, um die in der ganzen Welt anfallenden Arbeiten zu erledigen. Können Sie überhaupt daran zweifeln, daß selbst die härteste Arbeit zum Vergnügen würde, wenn anstelle der gegenwärtigen verfluchten Schinderei nur drei Stunden pro Tag dafür aufgewendet werden müßten, dazu noch unter den besten sanitären und hygienischen Bedingungen in einer Atmosphäre der Brüderlichkeit und Achtung vor körperlicher Arbeit?

Aber der Tag ist nicht schwer vorauszusehen, an dem die Anzahl dieser wenigen Stunden noch weiter vermindert wird. Denn wir verbessern unsere technischen Methoden ständig und erfinden fortlaufend neue arbeitssparende Maschinen. Technischer Fortschritt bedeutet weniger Arbeit und größeren Komfort, vergleichen Sie das Leben in den USA mit dem in China oder Indien und Sie werden diesen Zusammenhang leicht erkennen. In diesen beiden Ländern arbeiten die Menschen viele Stunden, nur um ihr Überleben zu sichern, während in Amerika selbst der Durchschnittsarbeiter einen viel höheren Lebensstandard bei weniger Arbeitsstunden genießen kann. Der Fortschritt der Wissenschaft und neue Erfindungen geben uns mehr Muse für unsere Lieblingsbeschäftigungen. Ich habe mit groben Strichen die Möglichkeiten eines Lebens in einem vernünftigen System umrissen, in dem der Profit abgeschafft wurde. Es ist nicht nötig, auf die kleinsten Einzelheiten dieser Gesellschaftsordnung einzugehen. Es ist genug gesagt worden, um zu zeigen, daß kommunistischer Anarchismus größeren materiellen Wohlstand in Verbindung mit einem Leben in Freiheit für jeden und alle bedeutet.

Wir können uns ein Bild von der Zeit machen, in der Arbeit eine angenehme Übung, einen freudigen Einsatz der körperlichen Kraft darstellt, um die Bedürfnisse der Welt zu befriedigen. Die Menschen werden dann auf unsere Zeit zurückblicken und nicht verstehen können, daß Arbeit jemals Schinderei sein konnte; sie werden an dem Verstand einer Generation zweifeln, in der weniger als ein Fünftel der Bewohner darunter litt, im Schweiße seines Angesichts das Brot für die anderen verdienen zu müssen, während diese dem Müßiggang frönten und ihre Zeit, ihre Gesundheit und den Reichtum der Menschen verschwendeten. Sie werden staunen, daß jemals die uneingeschränkte Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse nicht als selbstverständlich angesehen wurde oder daß Menschen, die eigentlich alle dasselbe suchten, darauf verfielen, sich durch Hader untereinander das Leben zu erschweren und unausstehlich zu machen. Sie werden es nicht glauben können, da8 das ganze Dasein der Menschheit aus einem ständigen Kampf um Nahrung in einer mit Luxus angefüllten Welt bestand, ein Kampf, der der großen Mehrheit weder Zeit noch Kraft zur Erfüllung ihrer Herzenswünsche ließ.

»Aber führt ein Leben in der Anarchie bei wirtschaftlicher und sozialer Gleichheit nicht zu allgemeiner Gleichmacherei?« fragen Sie. Nein, mein lieber Freund, ganz im Gegenteil Gleichheit bedeutet nicht gleiche Menge, sondern gleiche Möglichkeit. Das heißt zum Beispiel nicht, daß, wenn Herr Schmidt fünf Mahlzeiten pro Tag braucht, Herr Müller auch so viele haben muß. Wenn Herr Müller nur drei Mahlzeiten haben möchte, während Herr Schmidt fünf verlangt, dann mögen sie verschiedene Mengen konsumiert haben, aber beide Männer haben genau die gleiche Möglichkeit, so viel zu essen, wie sie benötigen, das heißt, so viel ihr Körper braucht.

Begehen Sie nicht den Fehler, die Gleichheit in der Freiheit mit der aufgezwungenen Gleichheit in einem Gefangenenlager zu verwechseln. Wahre anarchistische Gleichheit bedeutet freie Nutzung, nicht Quantität. Sie fordert nicht, daß jeder dasselbe essen, dasselbe trinken oder dieselbe Kleidung tragen muß, dieselbe Arbeit verrichten oder den gleichen Lebensstil haben muß. Weit davon entfernt; in Wirklichkeit ist das genaue Gegenteil richtig. Bedürfnisse und Vorliebe der einzelnen Menschen weichen voneinander ab, ebenso wie sich ihre Eßlust unterscheidet. Die gleiche Möglichkeit sie zu befriedigen, macht die wahre Gleichheit aus. Weit entfernt von Gleichmacherei öffnet gerade diese Gleichheit die Türen zur größtmöglichen Vielfalt in Tätigkeit und Entwicklung der Menschen. Da der Charakter der Menschen unterschiedlich ist, führt nur die Unterdrückung seiner Mannigfaltigkeit zu Gleichmacherei, Eintönigkeit und Langeweile. Gerade die Möglichkeit, die eigene Individualität ungehindert ausdrücken und ausleben zu können, gibt der Entwicklung natürlicher Unterschiede und Variationen Raum.

Man sagt, daß keine zwei Grashalme einander gleichen. Um wieviel weniger tun es dann menschliche Wesen. Auf der ganzen Welt gibt es keine zwei Menschen, die einander genau gleich sind, nicht einmal in ihrem äußeren Erscheinungsbild; noch unterschiedlicher sind sie in ihrer physiologischen, geistigen und körperlichen Struktur. Trotz dieser Vielfalt und der tausendundeinen Unterscheidungsmerkmale zwingen wir die Menschen heute zur Uniformität. Unser Leben und unsere Gebräuche, unser Verhalten und unsere Sitten, sogar unsere Gedanken und Gefühle werden in eine Einheitsform gepreßt bis sie nicht mehr unterscheidbar sind. Der Autoritätsgeist, Gesetze, geschriebene und ungeschriebene, Traditionen und Gewohnheit zwingen uns in eine gemeinsame Schablone und machen den Menschen zum willenlosen Automaten ohne Unabhängigkeit oder Individualität. Diese moralische und intellektuelle Knechtschaft wirkt stärker als jeder physische Zwang zerstörerisch auf unsere Menschlichkeit und Entfaltung. Wir alle sind ihre Opfer und nur die ungewöhnlich Tüchtigen zerbrechen ihre Ketten, aber auch sie können sie nicht völlig abstreifen.

Die Autorität der Vergangenheit und Gegenwart bestimmt nicht nur unser Verhalten, sondern beherrscht auch unsere Gedanken und Seelen und erstickt fortwährend jedes Symptom der Nichtanpassung, unabhängiger Verhaltensweisen und unorthodoxer Meinungen. Die ganze Wucht der gesellschaftlichen Verurteilung trifft den Mann oder die Frau, die die konventionelle Verhaltensweise herausfordern. Unbarmherzige Rache wird an dem Widerspenstigen geübt, der dem ausgetretenen Pfad nicht folgen will, oder dem Ketzer, der die gängigen Glaubenssätze anzweifelt. In der Wissenschaft und Kunst, in der Literatur, Dichtung und Malerei führt diese Gesinnung im Endergebnis zu Anpassung und Angleichung, zu Nachahmung des Etablierten und Anerkannten, zu Uniformität und Einförmigkeit, zu stereotyper Ausdrucksweise. Aber noch schlimmer wird Nichtkonformität im Alltagsleben und in unserem tagtäglichen Umgang bestraft. Dem Maler und Schriftsteller mag eine Herausforderung der Sitten und Vorrechte gelegentlich verziehen werden, denn letztlich findet ihre Rebellion nur auf Papier oder Leinen statt; sie wirkt nur auf einen verhältnismäßig kleinen Kreis. Diese Künstler werden entweder gar nicht beachtet oder als Spinner abgetan, die wenig Schaden anrichten können, aber anders ist es mit dem Menschen der Tat, der seine Herausforderung der akzeptierten Normen in die Gesellschaft hinausträgt. Er ist nicht harmlos. Er ist gefährlich wegen der Macht des Vorbilds und schon allein durch seine Gegenwart; Eine Verletzung der gesellschaftlichen Regeln durch ihn kann weder ignoriert noch vergeben werden. Er wird als Feind der Gesellschaft angeprangert.

Dies ist der Grund, daß revolutionäre Gedanken in »exotischer« Dichtung oder in hochintellektuellen philosophischen Dissertationen verziehen werden und die offizielle und inoffizielle Zensur passieren können, denn sie sind für die breitere Öffentlichkeit weder zugänglich noch verständlich. Aber drücken Sie dieselbe abweichende Haltung populär aus, dann werden Sie sich sofort konfrontiert sehen mit der geifernden Denunzierung durch alle jene Kräfte, die für die Erhaltung des Etablierten eintreten.

Erzwungene Willfährigkeit hat schlimmere und abstumpfendere Wirkung als das bösartigste Gift. Zu allen Zeiten war sie das größte Hindernis für den menschlichen Fortschritt, sie engte den Menschen mit tausend Verboten und Tabus ein, belastete seine Seele und sein Herz mit überlebten Maßstäben und Regeln, engte seinen Willen mit Geboten des Denkens und Fühlens ein, mit »Du sollst« und »Du sollst nicht« in bezug auf Verhalten und Handeln. Das gesamte Leben – die Kunst zu leben – ist in einer stumpfsinnigen, langweiligen und unbeweglichen Schematik erstarrt.

Trotzdem ist die angeborene Vielfalt der menschlichen Natur so stark gewesen, daß selbst der Jahrhunderte währende Prozeß der Verdummung die menschliche Originalität und Einzigartigkeit nicht völlig auslöschen konnte. Es ist schon wahr, daß die große Mehrheit die eingefahrenen Geleise nicht mehr verlassen kann, aber einige brechen doch aus dem allgemeinen Trott aus und finden neue Wege, die zu herrlichen und begeisternden Perspektiven führen. Die Welt verurteilt sie, folgt aber allmählich doch Schritt für Schritt ihrem Beispiel und ihrer Führung und schließt endlich zu ihnen auf. Wenn die Wegbereiter in der Zwischenzeit gestorben sind, bauen wir ihnen Denkmäler und verherrlichen diese Menschen, die wir zuvor geschmäht und gekreuzigt haben, ebenso wie wir fortfahren, ihre Nachfolger, die Bahnbrecher unserer Tage, zu kreuzigen.

Hinter dem Geist der Intoleranz und Verfolgung verbirgt sich die Gewöhnung an Autorität: Der Zwang, sich den herrschenden Maßstäben anzupassen, der Druck – in bezug auf Moral und Gesetz – so zu sein und so zu handeln wie alle anderen, je nach Vorschrift und Kodex. Die allgemeine Anschauung, Anpassung sei ein natürlicher Charakterzug, ist vollkommen falsch. Im Gegenteil, der Mensch zeigt seine Ursprünglichkeit und Originalität bei der ersten besten Gelegenheit, wenn er sich von den ihm von Geburt an eingeimpften Gewohnheiten freimachen kann. Wenn Sie beispielsweise Kinder beobachten, werden Sie höchst mannigfaltige Unterschiede in Art und Verhalten sowie in der geistigen und psychischen Ausdrucksweise erkennen. Sie werden eine instinktive Neigung zur Individualität und Unabhängigkeit, zur Nichtanpassung, entdecken, die in offener und versteckter Herausforderung des ihnen auferlegten Willens anderer, in Rebellion gegen die Autorität der Eltern und Lehrer zu Tage tritt. Die gesamte Ausbildung und »Erziehung« des Kindes ist nichts weiter als ein ununterbrochener Unterdrückungs- und Zerstörungsprozeß dieser Neigung, die Auslöschung seiner charakteristischen Eigenheiten, seiner Besonderheit gegenüber anderen, seiner Persönlichkeit und Originalität.

Auch bis das Kind erwachsen ist verbleibt trotz der jahrelangen Unterdrückung und Verformung immer noch ein Rest von Originalität in ihm; dies zeigt, wie tief die Wurzeln der Individualität reichen. Nehmen Sie beispielsweise irgendzwei Menschen, die gleichzeitig Zeugen ein und derselben Katastrophe geworden sind, angenommen, eines großen Feuers, und alles auch von demselben Ort verfolgt haben. Jeder wird über das Geschehen anders berichten, jeder wird in der ihm eigenen Art Bezüge herstellen und der beim Zuhörer erweckte Eindruck wird unterschiedlich sein; denn beide Beobachter besitzen von Natur aus eine anders geartete Psyche. Aber reden Sie mit denselben beiden Menschen zum Beispiel über fundamentale gesellschaftliche Angelegenheiten, über das Leben und die Regierung, und Sie werden sofort haargenau die gleiche »Ansicht«, nämlich die unkritisch übernommene gängige Meinung zu hören bekommen.

Warum? Weil der Mensch da frei und selbstbewußt sprechen wird, wo er frei denken und fühlen kann, wo er durch keine Vorschrift und Regel gehemmt und nicht durch Angst vor sich ergebenden unangenehmen Konsequenzen zurückgehalten wird, »anders« und unorthodox zu sein. Aber in dem Augenblick, in dem das Gespräch Themen im Bereich unserer gesellschaftlichen Gebote berührt, dann wird man, gefangen in den Klauen der Tabus, zu einem Echo und Papageien.

Das Leben in Freiheit, in der Anarchie, wird mehr vollbringen, als den Menschen nur allein von seiner gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Knechtschaft zu befreien. Das wird nur der erste, der einleitende Schritt zum wirklichen menschlichen Leben sein. Viel größer und bedeutender werden die Ergebnisse einer solchen Freiheit sein, ihre Wirkung auf den Verstand und die Persönlichkeit des Menschen. Die Abschaffung des auf fremdem Willen basierenden Zwangs und damit der Angst vor Autorität wird die den Menschen durch moralischen und um nichts weniger auch die durch wirtschaftlichen und physischen Druck angelegten Fesseln lösen. Der menschliche Geist wird frei atmen können und diese geistige Emanzipation wird die Geburt einer neuen Kultur und einer neuen Menschlichkeit sein. Gebote und Tabus werden fallen, und der Mensch wird anfangen, er selbst zu sein, seine individuellen Neigungen und seine Einzigartigkeit zu entwickeln und auszudrücken. Anstatt zu sagen »Du sollst nicht«, wird die Öffentlichkeit sagen »Du kannst, wenn Du die volle Verantwortung übernimmst«. Das wird eine Übung in menschlicher Würde und Selbstvertrauen sein, die zuhause und in der Schule beginnt und eine neue Rasse mit einer neuen Lebenseinstellung hervorbringen wird.

Der Mensch der Zukunft wird das Dasein auf einem völlig anderen Niveau sehen und erleben. Das Leben wird für ihn eine Kunst und eine Freude sein. Er wird es nicht mehr als ein Wettrennen ansehen, bei dem jeder versuchen muß, so schnell wie der Beste zu sein. Er wird Freiheit für wichtiger als Arbeit halten, und die Arbeit wird ihren richtigen, untergeordneten Platz als Mittel zur Muse und Vergnügen am Leben einnehmen.

Das Leben wird ein Streben nach besseren kulturellen Werten, nach Ergründung der Naturgeheimnisse und Erreichen einer höheren Wahrheit werden. Wenn der Mensch frei ist, die unbegrenzten Möglichkeiten seines Verstandes zu nutzen, seinem Wissensdrang zu folgen, seine Erfindungsgabe anzuwenden, zu schaffen und sich auf den Flügeln seiner Phantasie emporzuschwingen, dann wird er seine volle Größe erlangen und wirklich Mensch sein. Er wird entsprechend seiner Natur wachsen und sich entwickeln. Er wird Uniformität verachten und die menschliche Mannigfaltigkeit wird ihm ein größeres Interesse und ein befriedigenderes Gefühl für den Reichtum des Lebens geben. Das Leben besteht für ihn nicht aus Funktionieren sondern im Erleben und er wird die größte von Menschen erreichbare Freiheit erlangen – eine Freiheit in Freude.

»Dieser Tag liegt in ferner Zukunft«, sagen Sie, »wie sollen wir ihn herbeiführen?« Vielleicht liegt er in weiter Zukunft, aber vielleicht auch nicht so weit – man weiß es nicht. Auf jeden Fall sollten wir immer unser endgültiges Ziel im Auge behalten, wenn wir auf dem richtigen Weg bleiben wollen. Der von mir beschriebene Wechsel wird nicht über Nacht kommen; nichts kommt je über Nacht. Es wird eine allmähliche Entwicklung sein, genauso wie überall in der Natur und im gesellschaftlichen Leben. Es wird aber eine folgerichtige, notwendige und, ich wage sogar zu sagen, unvermeidbare Entwicklung sein. Unvermeidlich, weil die gesamte Entwicklung des menschlichen Wachstums in diese Richtung gegangen ist, wenn sie manchmal auch Zickzack lief und dabei vom Weg abkam, sie hat jedoch den richtigen Pfad immer wiedergefunden. Wie kann also dieser Tag herbeigeführt werden?

[Bearbeiten] Nichtkommunistische Anarchisten

Bevor wir fortfahren, möchte ich kurz etwas erklären. Ich bin es den Anarchisten schuldig, die keine Kommunisten sind. Denn Sie müssen wissen, daß nicht alle Anarchisten Kommunisten sind: Nicht alle glauben nämlich, daß Kommunismus - gemeinsames Eigentum und das Aufteilen je nach Bedürfnis - das beste und gerechteste Wirtschaftssystem ist. Ich habe Ihnen zuerst den kommunistischen Anarchismus vorgestellt, weil er meiner Meinung nach die wünschenswerteste und am besten praktizierbare Gesellschaftsform ist. Die kommunistischen Anarchisten vertreten die Ansicht, daß nur unter kommunistischen Bedingungen der Anarchismus gedeihen und gleiche Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand für jeden ohne Diskriminierung garantiert werden können. Aber es gibt Anarchisten, die nicht an Kommunismus glauben. Sie können im allgemeinen in Individualisten und Mutualisten eingeteilt werden.


Alle Anarchisten stimmen in diesem fundamentalen Punkt überein: Daß Regierung Ungerechtigkeit und Unterdrückung bedeutet, daß sie sich einmischt, versklavt und das größte Hindernis für die Entwicklung und Entfaltung des Menschen darstellt. Alle glauben sie, daß Freiheit nur in einer Gesellschaft bestehen kann, die frei von Zwang jeglicher Art ist. Alle Anarchisten sind sich daher in dem Grundprinzip einig, daß die Regierung abgeschafft werden muß. Sie stimmen hauptsächlich in folgenden Punkten nicht überein:


Erstens: Die Art und Weise, wie die Anarchie realisiert werden soll. Die kommunistischen Anarchisten sagen, daß nur eine soziale Revolution die Regierung abschaffen und die Anarchie herbeiführen kann, während die Individualisten und Mutualisten nicht an diese Revolution glauben. Sie glauben, daß die heutige Gesellschaft sich allmählich von der Regierung weg zu einem Zustand der Nichtregierung entwickeln wird.


Zweitens: Individualistisch eingestellte Anarchisten und Mutualisten glauben an das individuelle Eigentum im Gegensatz zu den kommunistischen Anarchisten, die in der Institution des Privateigentums eine der Hauptursachen für Ungerechtigkeit und Ungleichheit, für Armut und Elend sehen. Die Individualisten und Mutualisten bestehen darauf, daß Freiheit »das Recht eines jeden auf das Produkt seiner Arbeit« bedeutet, was natürlich richtig ist. Freiheit bedeutet auch das. Aber die Frage ist nicht, ob jemand das Recht auf sein Produkt hat, sondern ob es so etwas wie ein individuelles Produkt gibt. Ich habe in den vorangegangenen Kapiteln dargelegt, daß es so etwas in der modernen Geschichte nicht gibt. Da alle Arbeit nur in Gemeinschaft geleistet werden kann, gehören die erzeugten Produkte auch der gesamten Gesellschaft; daher hat das Argument vom Recht der Einzelperson auf sein Produkt keinen praktischen Wert.


Ich habe auch gezeigt, daß der Güter- oder Warenaustausch nicht individuell oder privat erfolgen kann, ohne daß das Profitsystem angewandt wird. Da der Wert einer Ware nicht angemessen bestimmt werden kann, ist kein Tauschhandel gerecht. Diese Tatsache führt meiner Meinung nach zum Recht der gesamten Gesellschaft am Eigentum und dessen Gebrauch, das heißt, zum Kommunismus als dem am besten praktizierbaren und auch gerechtesten Wirtschaftssystem.


Aber wie schon gesagt, die Individualisten und Mutualisten stimmen in diesem Punkt nicht zu. Sie behaupten, daß das Monopol die Quelle wirtschaftlicher Ungleichheit sei, und sie argumentieren, daß das Monopol mit der Abschaffung der Regierung verschwinden wird, weil es ein spezielles Privileg sei - gegeben und geschützt durch die Regierung -, das das Monopol ermöglicht. Freier Wettbewerb, erklären sie, würde das Monopol und seine Übel beseitigen. Individualistische Anarchisten, Nachfolger von Stirner und Tucker, ebenso wie die auf Tolstoi zurückgehenden Anarchisten, die an Gewaltlosigkeit glauben, haben keinen sehr klaren Plan für das Wirtschaftsleben in der Anarchie. Die Mutualisten dagegen schlagen ein ganz bestimmtes neues Wirtschaftssystem vor. Mit ihrem Lehrer, dem französischen Philosophen Proudhon, glauben sie, daß genossenschaftliche Banken und Kredite ohne Zinsen die beste Wirtschaftsform einer Gesellschaft ohne Regierung sei. Laut ihrer Theorie würde der freie Kredit, der jedermann die Gelegenheit gibt, Geld ohne Zinsen zu leihen, dazu beitragen, das Einkommen anzugleichen, Profite auf ein Minimum zu reduzieren und somit Reichtum genauso wie Armut beseitigen. Freier Kredit und Wettbewerb auf dem offenen Markt, sagen sie, würde zu wirtschaftlicher Gleichheit führen, während die Abschaffung der Regierung gleiche Freiheiten garantieren würde. Das Gesellschaftsleben in der Gemeinschaft der Mutualisten genauso wie in der der Individualisten würde auf der Heiligkeit der freien Abmachung, des freien Vertrages basieren.


Ich habe hier die Ansichten der individualistischen Anarchisten und Mutualisten nur grob skizziert. Es ist nicht die Absicht dieses Buches, die anarchistischen Ideen detailliert zu diskutieren, die der Autor für fehlerhaft und undurchführbar hält. Als kommunistischer Anarchist möchte ich dem Leser die Ansichten nahebringen, die ich für die besten und vernünftigsten halte. Ich hielt es jedoch für fair, Sie auch über die Existenz anderer, nichtkommunistischer anarchistischer Theorien zu informieren.


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[Bearbeiten] Warum Revolution?

Lassen Sie uns zu Ihrer Frage zurückkehren: »Wie wird die Anarchie realisiert? Können wir dazu beitragen?« Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn bei jedem Problem gibt es zwei entscheidende Dinge zu beachten: Erstens, genau zu wissen, was man will und zweitens, wie man es erreicht.


Wir wissen genau, was wir wollen. Wir wollen eine Gesellschaft, in der alle frei sind und in der jeder alle Möglichkeiten hat, seine Bedürfnisse auf der Basis der gleichen Freiheit für alle zu befriedigen und seine Vorstellungen zu verwirklichen. In anderen Worten: Wir erstreben das freie, kooperative Gemeinwesen des kommunistischen Anarchismus.


Wie es erreicht wird?


Wir sind keine Propheten und keiner kann genau sagen, wie so etwas ablaufen wird. Aber die Welt besteht nicht erst seit gestern und der Mensch als ein vernünftiges Wesen muß sich die Erfahrung der Vergangenheit zunutze machen. Nun, worin besteht diese Erfahrung? Wenn Sie die Geschichte auch nur flüchtig betrachten, werden Sie sehen, daß sie für den Menschen ein Kampf ums Dasein gewesen ist. In der Steinzeit kämpfte er auf sich gestellt gegen die wilden Tiere der Wälder und hilflos stand der Hunger, Kälte, Dunkelheit und Sturm gegenüber. Wegen seiner Unwissenheit waren alle Kräfte der Natur für ihn Feinde: Sie brachten ihm Unheil und Tod, er alleine war zu machtlos, sie zu bekämpfen. Aber mit der Zeit lernte der Mensch, sich mit seinen Artgenossen zusammenzutun; gemeinsam suchten sie Sicherheit und Geborgenheit. In Gemeinschaft versuchten sie alsbald, die Energien der Natur in ihren Dienst zu stellen. Gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit vermehrten Kraft und Geschicklichkeit des Menschen stetig, bis es ihm gelang, sich die Natur gefügig zu machen, indem er ihre Kräfte in seine Dienste zwang, den Blitz in Ketten legte, Ozeane überbrückte und sogar die Luft beherrschte.


In ähnlicher Weise machten Unwissen und Angst das Leben zu einem ständigen Kampf Mensch gegen Mensch, Familie gegen Familie, Stamm gegen Stamm, bis die Menschen erkannten, daß, wenn sie sich zusammentun, gemeinsam anstrengen und helfen, sie mehr erreichen könnten als durch Streit und Feindschaft. Die moderne Wissenschaft zeigt, daß sogar Tiere so viel in ihrem Existenzkampf gelernt hatten. Einige Arten überlebten, weil sie aufhörten, einander zu bekämpfen, in Herden lebten und sich auf diese Weise besser gegen andere wilde Tiere schützen konnten. Je mehr die Menschen den Kampf gegeneinander durch gemeinsamen Einsatz und Kooperation ersetzten, desto besser kamen sie voran, entwuchsen der Barbarei und wurden zivilisiert. Familien, die sich einst bis auf den Tod bekämpft hatten, schlossen sich zusammen und bildeten eine Gruppe; Gruppen vereinigten sich und wurden Stämme, und die Stämme verbündeten sich zu Nationen. Stumpfsinnig bekämpfen die Nationen noch immer einander, aber auch sie fangen an, dieselbe Lektion zu lernen und suchen jetzt nach neuen Wegen, um das internationale Gemetzel zu stoppen, das als Krieg bekannt ist.


Unglücklicherweise befinden wir uns in sozialer Hinsicht noch auf der Stufe der Barbarei: Gruppen bekämpfen noch Gruppen, und Klassen kämpfen gegen Klassen. Aber auch hier sehen die Menschen allmählich ein, daß es ein sinnloser und ruinierender Krieg ist, daß die Welt groß und reich genug ist, um alle ähnlich wie die Sonne zu erfreuen und daß eine vereinte Menschheit mehr erreichen würde als eine, die zersplittert gegeneinander kämpft.


Was Fortschritt genannt wird, stellt genau dessen Verwirklichung dar und ist ein Schritt in diese Richtung. Der ganze Fortschritt des Menschen beruht auf dem Streben nach mehr Sicherheit und Frieden, nach größerem Schutz und Wohlstand. Sein natürlicher Impuls strebt nach gegenseitiger Hilfe und gemeinsamer Anstrengung, sein stärkster Instinkt verlangt Freiheit und Freude. Diese Neigungen suchen Ausdruck und behaupten sich trotz aller Behinderungen und Schwierigkeiten. Die gesamte Geschichte des Menschen lehrt, daß weder Naturgewalten noch menschlicher Widerstand ihn auf seinem Vormarsch aufhalten können. Wenn ich aufgefordert wäre, Zivilisation in einem einzigen Satz zu definieren, dann würde ich sagen, daß es der Triumph des Menschen über die Macht der natürlichen und menschlichen Finsternis ist. Die feindlichen Kräfte in der Natur haben wir besiegt, aber wir müssen noch die finsteren Mächte der Menschen bekämpfen.


Die Geschichte kann keine einzige wichtige soziale Verbesserung vorweisen, die nicht auf den Widerstand der herrschenden Mächte - der Kirche, Regierung und des Kapitals - stieß. Nicht ein Schritt wurde vorwärts getan, ohne den Widerstand der Herrschenden zu zerstören. Jeder Fortschritt forderte einen bitteren Kampf. Viele und lange Kämpfe waren erforderlich, um die Sklaverei abzuschaffen; Revolten und Aufstände, um die fundamentalsten Rechte der Menschen zu sichern; Rebellionen und Revolutionen, um den Feudalismus und die Leibeigenschaft zu beseitigen.


Bürgerkriege waren notwendig, um die absolute Macht der Könige zu beseitigen und Demokratien zu gründen, um mehr Freiheit und Wohlstand für die Massen zu erobern. Es gibt nicht ein Land auf der Erde, nicht eine geschichtliche Epoche, wo irgendein großes soziales Übel nicht ohne einen bitteren Kampf mit der Macht, welcher Art sie auch gewesen sein mag, beseitigt wurde. Noch vor gar nicht langer Zeit konnten nur Revolutionen das Zarentum in Rußland, den Kaiser in Deutschland, den Sultan in der Türkei, die Monarchie in China und ähnliche Mächte in verschiedenen Ländern stürzen.


Es gibt keinen Bericht über eine Regierung oder Autorität, irgendeine Gruppe oder Klasse, die ihre Macht und Herrschaft freiwillig aufgegeben hat. Immer war Gewaltanwendung oder zumindest ihre Androhung erforderlich. Gibt es einen vernünftigen Grund anzunehmen, daß die Autorität oder das Kapital einen plötzlichen Sinneswandel durchgemacht haben und sich in Zukunft anders verhalten werden, als sie es in der Vergangenheit getan haben? Ihr gesunder Menschenverstand wird Ihnen sagen, daß das eine eitle und törichte Hoffnung wäre. Die Regierung und das Kapital werden kämpfen um die Macht zu behalten. Sie tun das auch heute bei der geringsten Bedrohung ihrer Privilegien. Sie werden mit allen Mitteln um ihre Existenz kämpfen.


Daher ist es keine Prophetie, wenn man behauptet, daß es eines Tages zu einem entscheidenden Kampf zwischen den enteigneten Klassen und ihren Beherrschern kommen muß.


Tatsächlich dauert dieses Ringen schon lange an. Es gibt einen ständigen Kampf zwischen dem Kapital und der Arbeiterschaft. Gewöhnlich wird er innerhalb eines sogenannten gesetzlichen Rahmens ausgetragen. Aber selbst diese Kämpfe werden ab und zu mit Gewalt geführt, wie bei Streiks und Aussperrungen, da der bewaffnete Arm der Regierung immer im Dienst der Herrschenden steht, und dieser Arm tritt in Aktion, sobald das Kapital seinen Profit bedroht sieht: Dann läßt es die Maske der »gemeinsamen Interessen« und »Partnerschaft« mit der Arbeiterschaft fallen und sucht in dem letzten Argument der Herrschenden Zuflucht, dem Zwang und der Gewalt. Es steht daher fest, daß Regierung und Kapital, wenn sie es verhindern können, es nicht zulassen werden, daß sie unauffällig beseitigt werden; genausowenig werden sie auf wundersame Weise von allein »verschwinden«, wie einige Leute meinen. Um sie loszuwerden, wird eine Revolution erforderlich sein.


Es gibt Leute, die bei der Erwähnung des Wortes Revolution ungläubig lächeln. »Unmöglich!« sagen sie zuversichtlich. Das dachten auch Ludwig XIV. und Marie Antoinette von Frankreich noch ein paar Wochen bevor sie ihren Thron mitsamt dem Kopf verloren. Das glaubten die Adligen am Hof des Zaren Nikolaus II. noch am Vorabend des Aufstandes, der sie wegfegte. »Es sieht nicht nach einer Revolution aus«, argumentiert der oberflächliche Beobachter. Aber Revolutionen haben es so an sich, daß sie genau dann ausbrechen, »wenn es nicht danach aussieht«. Die weitsichtigeren modernen Kapitalisten jedoch scheinen nicht gewillt zu sein, Risiken einzugehen. Sie wissen, daß Aufstände und Revolutionen jederzeit möglich sind. Darum haben die großen Aktiengesellschaften und Großunternehmer - besonders in Amerika - damit begonnen, neue Methoden einzuführen, die als Blitzableiter für allgemeine Unzufriedenheit und Revolten dienen sollen. Sie führen einen Bonus für ihre Angestellten ein, Gewinnbeteiligung und ähnliche Methoden, die nur dem Zweck dienen, den Arbeiter zufriedenzustellen und am Gedeihen der Industrie finanziell zu interessieren. Diese Mittel mögen den Proletarier vorübergehend blind für seine wahren Interessen machen, aber glauben Sie nicht, daß der Arbeiter mit der Lohnsklaverei immer zufrieden sein wird, selbst wenn sein Käfig von Zeit zu Zeit vergoldet wird. Die Verbesserung materieller Bedingungen ist keine Versicherung gegen die Revolution. Die Befriedigung unserer Wünsche schafft im Gegenteil neue Bedürfnisse, bringt neue Wünsche und Bestrebungen hervor. So ist die menschliche Natur und das ist es, was Verbesserungen und Fortschritte ermöglicht. Die Unzufriedenheit der Arbeiter kann nicht mit einem Extrastück Brot hinuntergewürgt werden, selbst wenn es mit Butter bestrichen ist. Darum sind die Revolten in den Industriezentren des bessergestellten Europas bewußter und aktiver als im rückständigen Asien und Afrika. Der menschliche Verstand wird sich immer nach größerem Komfort und größerer Freiheit sehnen, und die wirklichen Überbringer dieses Antriebs zu weiterem Fortschritt sind die Massen. Die Hoffnung der modernen Plutokratie, der Revolution zuvorkommen zu können, wenn sie dem Arbeiter ab und zu einen dickeren Knochen zuwirft, ist illusorisch und ohne jede Grundlage. Die neuen Taktiken des Kapitals beschwichtigen die Arbeiter anscheinend für eine Weile, aber ihr Vormarsch kann durch einen solchen Notbehelf nicht aufgehalten werden. Die Abschaffung des Kapitalismus ist trotz aller Programme und Widerstände unvermeidbar und wird nur durch eine Revolution erreicht werden.


Kann ein einzelner Arbeiter irgendetwas gegen die Großen Gesellschaften ausrichten? Kann eine kleine Arbeitergewerkschaft den Großunternehmer zwingen, ihren Forderungen nachzugeben? Die kapitalistische Klasse ist im Kampf gegen die Arbeiter organisiert. Es versteht sich von selbst, daß die Revolution nur erfolgreich sein kann, wenn die Arbeiter vereint sind, wenn sie im ganzen Land organisiert sind; wenn das Proletariat aller Länder gemeinsam handelt, denn das Kapital ist international und die Herrschenden vereinen sich bei jedem großen Problem gegen die Arbeiterschaft. Darum wandte sich beispielsweise die Plutokratie der ganzen Welt gegen die russische Revolution. Solange die Russen nur den Zar beseitigen wollten, hat sich das internationale Kapital nicht eingemischt; es war ihm gleichgültig, welche politische Form Rußland hatte, solange die Regierung nur bourgeois und kapitalistisch war. Aber sobald die Revolution es darauf anlegte, das System des Kapitalismus abzuschaffen, vereinigten sich die Regierungen und Bourgeoisien aller Länder, um sie niederzuschlagen. Sie sahen darin eine Bedrohung für die Fortsetzung ihrer eigenen Herrschaft.


Merken Sie sich das gut, mein Freund. Denn es gibt Revolutionen und Revolutionen. Die eine verändert nur die Regierungsform, indem sie eine Gruppe neuer Herrscher auf den Platz der alten setzt. Das ist eine politische Revolution und als solche trifft sie oft auf wenig Widerstand. Die andere Revolution aber, die darauf abzielt, das gesamte System der Lohnsklaverei abzuschaffen, muß auch die Macht einer Klasse beseitigen, die andere unterdrücken zu können. Das heißt, daß es sich nicht mehr um einen reinen Austausch der Herrschenden, der Regierung, nicht um eine politische Revolution handelt, sondern um eine, die das ganze Wesen der Gesellschaft zu verändern sucht. Das wäre eine soziale Revolution. Als solche hätte sie nicht nur gegen die Regierung und den Kapitalismus zu kämpfen, sondern sie würde auch auf den Widerstand des weit verbreiteten Unwissens und der Vorurteile jener treffen, die an Regierung und Kapitalismus glauben. Wie soll sie dann also verwirklicht werden?


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[Bearbeiten] Wichtig ist die Idee

Haben Sie sich jemals gefragt, wie es möglich ist, daß Regierung und Kapitalismus trotz allen Unglücks und Verdrusses fortbestehen können, die sie in der Welt erzeugen? Falls Sie das getan haben, dann muß Ihre Antwort gelautet haben, es kann nur daran liegen, daß die Menschen diese Einrichtungen unterstützen und daß sie sie unterstützen, weil sie daran glauben.

Das ist das Problem der ganzen Angelegenheit: Die heutige Gesellschaft basiert auf dem Glauben der Menschen, daß sie gut und nützlich sei. Sie beruht auf der Idee der Autorität und des Privateigentums. Es sind Ideen, die die Zustände aufrechterhalten. Regierung und Kapitalismus sind die Formen, in denen sich die allgemeinen Ideen ausdrücken. Ideen bilden das Fundament; die Institutionen stellen das darauf erbaute Haus dar. Eine neue gesellschaftliche Struktur muß ein neues Fundament haben, neue Ideen für ihre Basis. Wie sehr Sie auch die Form einer Institution ändern, ihr Wesen und ihre Bedeutung wird die gleiche bleiben, wenn ihr Fundament nicht berührt wird. Sehen Sie sich das Leben einmal genau an, und Sie werden die Wahrheit dieser Aussage erkennen. Es gibt in der Welt alle möglichen Regierungsarten und -formen, aber ihr wahres Wesen ist überall gleich, genauso wie ihre Wirkung dieselbe ist: Sie führt immer zu Autorität und Gehorsam.

Nun, wodurch werden Regierungen am Leben erhalten? Durch Armeen und die Marine? Ja, aber auch nur scheinbar. Wodurch werden Armeen und Marine unterhalten? Es ist der Glaube der Menschen, der Massen, daß Regierung notwendig ist; es ist die allgemein akzeptierte Idee der Notwendigkeit einer Regierung. Das ist ihr wirkliches und dauerhaftes Fundament. Ohne diese Ideen oder diesen Glauben würde keine Regierung auch nur einen Tag länger bestehen.

Dasselbe gilt für das Privateigentum. Die Idee, daß es richtig und notwendig ist, stellt den Pfeiler dar, der es stützt und ihm Sicherheit gibt. Es gibt heute nicht eine Institution, die nicht auf dem weitverbreiteten Glauben basiert, daß sie gut und förderlich ist. Nehmen wir die USA als Beispiel. Fragen Sie sich selbst, warum revolutionäre Propaganda in diesem Land trotz der fünfzig Jahre andauernden Bemühungen von Sozialisten und Anarchisten so wenig Erfolg hatte. Wird der amerikanische Arbeiter nicht weit mehr ausgebeutet als der anderer Länder? Nimmt die politische Korruption in irgendeinem anderen Land dermaßen überhand? Ist die kapitalistische Klasse in Amerika nicht die willkürlichste, despotischste auf der ganzen Welt? Es stimmt, daß der Arbeiter in den USA materiell besser gestellt ist als der in Europa, aber wird er nicht gleichzeitig Terror und größter Brutalität ausgesetzt, sobald er auch nur die geringste Unzufriedenheit zu zeigen wagt? Trotzdem bleibt der amerikanische Arbeiter seiner Regierung treu und ist der erste, der sie gegen Kritik verteidigt. Er ist noch immer der eifrigste Verfechter dieser »großartigen und noblen Institutionen des größten Landes auf Erden«. Warum? Weil er glaubt, daß sie seine Institutionen seien, daß er sie als souveräner und freier Bürger leitet und daß er sie ändern könnte, wenn er es wollte. Es ist sein Glaube an die bestehende Ordnung, der die größte Sicherheit gegen eine Revolution bietet. Sein Glaube ist dumm und nicht angebracht, und eines Tages wird er zusammenbrechen und mit ihm der amerikanische Kapitalismus und Despotismus. Aber solange dieser Glaube fortbesteht, ist die amerikanische Geldherrschaft vor Revolutionen sicher.

Wenn die Menschen klüger werden, wenn sie neue Idee