| BALLADE VON DER BILLIGUNG DER WELT
|
| (1932)
|
|
| 1
|
| Ich bin nicht ungerecht, doch auch nicht mutig
|
| Sie zeigten mir da heute ihre Welt
|
| Da sah ich nur den Finger, der war blutig
|
| Da sagt ich eilig, daß sie mir gefällt.
|
|
| 2
|
| Den Knüppel über mir, die Welt vor Augen
|
| Stand ich vom Morgen bis zur Nacht und sah.
|
| Sah, daß als Metzger Metzger etwas taugen
|
| Und auf die Frage: Freut's dich? sagte ich: Ja.
|
|
| 3
|
| Und von der Stund an sagt ich ja zu allen
|
| Lieber ein feiger als ein toter Mann.
|
| Nur um in diese Hände nicht zu fallen
|
| Billigte ich, was man nicht billigen kann.
|
|
| 4
|
| Ich sah den Junker mit Getreide wuchern
|
| Hohlwangig Volk zog vor ihm tief den Hut.
|
| Ich sagte laut, umringt von Wahrheitssuchern:
|
| Er ist ein wenig teuer, aber gut.
|
|
| 5
|
| Die Unternehmer dort: nur jeden dritten
|
| Können sie brauchen und verwerten sie.
|
| Ich sagte den Nichtunternommenen: Die müßt ihr bitten
|
| Ich selbst versteh nichts von Ökonomie.
|
|
| 6
|
| Sah ihre Militärs, Raubkriege planend
|
| Die man aus Feigheit frei herumgehn ließ.
|
| Ich trat vom Gehsteig und rief, Böses ahnend:
|
| Hut ab! Die Herrn sind technische Genies!
|
|
| 7
|
| Die Volksvertreter, die den hungrigen Wählern
|
| Versichern, daß es durch sie besser wird
|
| Ich nenn sie gute Redner, sag: Sie haben
|
| Gelogen nicht, sie haben sich geirrt.
|
|
| 8
|
| Sah die Beamten, schimmelangefressen
|
| Ein Riesenjauchenschöpfrad halten sie in Schwung
|
| Selbst schlecht entlohnt für Treten und für Pressen:
|
| Ich bitt für sie hiermit um Aufbesserung.
|
|
| 9
|
| Dies soll die Polizisten nicht verstören
|
| Ihnen und selbst den Herren vom Gericht
|
| Reich ich das Handtuch für die blutigen Hände
|
| Damit sie sehen, auch sie verleugn' ich nicht.
|
|
| 10
|
| Die Richter, die das Eigentum verteidigen
|
| Versteckend unterm Richtertisch die blutigen Schuh
|
| Will ich, da ich nicht darf, auch nicht beleidigen
|
| Doch tu ich's nicht, weiß ich nicht, was ich tu.
|
|
| 11
|
| Ich sag: Die Herren kann man nicht bestechen -
|
| Durch keine Summe! Und zu keiner Zeit!-
|
| Zu achten das Gesetz und Recht zu sprechen.
|
| Ich frag: Ist das nicht nicht Unbestechlichkeit?
|
|
| 12
|
| Dort, drei Schritt vor mir, seh ich einige Rüpel
|
| Die schlagen ein auf Weib und Greis und Kind.
|
| Da seh ich eben noch: sie haben Gummiknüppel
|
| Da weiß ich, daß es keine Rüpel sind.
|
|
| 13
|
| Die Polizei, die mit der Armut kämpft
|
| Damit das Elend uns nicht überschwemmt
|
| Hat alle Hände voll zu tun. Wenn sie mich
|
| Vor Diebstahl schützt - für sie mein letztes Hemd.
|
|
| 14
|
| Nachdem ich so bewiesen, daß in mir kein Arg ist
|
| Hoff ich, daß ihr mir durch die Finger seht
|
| Wenn ich mich jetzt zu jenen auch bekenne
|
| Von denen Schlimmes in der Zeitung steht
|
|
| 15
|
| Den Zeitungsschreibern. Mit dem Blut der Opfer
|
| Schmieren sie's hin: die Mörder sind es nicht gewesen.
|
| Ich reiche euch die frisch bedruckten Blätter
|
| Und sag: Ihr Stil ist aber gut, ihr müßt es lesen.
|
|
| 16
|
| Der Dichter gibt uns seinen Zauberberg zu lesen.
|
| Was er (für Geld) da spricht, ist gut gesprochen!
|
| Was er (umsonst) verschweigt: die Wahrheit wär's gewesen.
|
| Ich sag: Der Mann ist blind und nicht bestochen.
|
|
| 17
|
| Der Händler dort, beschwörend die Passanten:
|
| Nicht meine Fische stinken, sondern ich!
|
| Braucht selber keinen faulen Fisch zu fressen. So, den
|
| Halt ich mir warm, vielleicht verkauft er mich.
|
|
| 18
|
| Dem Mann, halb von Furunkeln aufgegessen
|
| Kaufend ein Mädchen mit gestohlenem Geld
|
| Drück ich die Hand vorsichtig, aber herzlich
|
| Und danke ihm, daß er das Weib erhält.
|
|
| 19
|
| Die Ärzte, die den kranken Armen
|
| Wie Angler den zu kleinen Fisch
|
| Wegwerfen, kann ich krank nicht missen
|
| Ich leg mich ihnen hilflos auf den Tisch.
|
|
| 20
|
| Die Ingenieure, die das Fließband legen
|
| Das den dran Schuftenden die Lebenskraft entführt
|
| Lob ich des technischen Triumphes wegen.
|
| Der Sieg des Geistes ist's, der mich zu Tränen rührt.
|
|
| 21
|
| Ich sah die Lehrer, arme Steißbeintrommler
|
| Formen das Kind nach ihrem Ebenbild.
|
| Sie kriegen ihr Gehalt dafür vom Staate.
|
| Sie müßten hungern sonst. Daß sie mir keiner schilt!
|
|
| 22
|
| Und Kinder seh ich, die sind vierzehn Jahre
|
| Sind groß wie sechs und reden wie ein Greis.
|
| Ich sag: so ist's. Doch auf die stumme Frage:
|
| Warum ist's so? sag ich, daß ich's nicht weiß.
|
|
| 23
|
| Die Professoren, die mit schönen Worten
|
| Rechtfertigen, was ihr Auftraggeber macht
|
| Von Wirtschaftskrisen sprechend statt von Morden:
|
| Sie sind nicht schlimmer, als ich mir's gedacht.
|
|
| 24
|
| Die Wissenschaft, stets unser Wissen mehrend
|
| Welches dann wieder unser Elend mehrt
|
| Verehre man wie die Religion, die unsere
|
| Unwissenheit vermehrt, und die man auch verehrt.
|
|
| 25
|
| Sonst nichts davon. Die Pfaffen stehn mir nahe.
|
| Sie halten hoch durch Krieg und Schlächterei'n
|
| Den Glauben an die Lieb und Fürsorg droben.
|
| Es soll dies ihnen nicht vergessen sein.
|
|
| 26
|
| Sah eine Welt Gott und den Wucher loben
|
| Hörte den Hunger schrein: Wo gibt's was? Sah
|
| Sehr feiste Finger deuten nach oben.
|
| Da sagt' ich: Seht ihr, es ist etwas da!
|
|
| 27
|
| Gewisse Sattelköpfe, die vor Zeiten
|
| George Grosz entwarf, sind, hör ich, auf dem Sprung
|
| Der Menschheit jetzt die Gurgel durchzuschneiden.
|
| Die Pläne finden meine Billigung.
|
|
| 28
|
| Ich sah die Mörder und ich sah die Opfer
|
| Und nur des Muts und nicht des Mitleids bar
|
| Sah ich die Mörder ihre Opfer wählen
|
| Und schrie: Ich billige das, ganz und gar!
|
|
| 29
|
| Ich sah sie kommen, seh den Zug der Schlächter
|
| Will doch noch brüllen: Halt! Und da, nur weil
|
| Ich weiß: es stehen, Hand am Ohr, da Wächter
|
| Hör ich mich ihm entgegenbrüllen: Heil!
|
|
| 30
|
| Da Niedrigkeit und Not mir nicht gefällt
|
| Fehlt meiner Kunst in dieser Zeit der Schwung
|
| Doch zu dem Schmutze euren schmutzigen Welt
|
| Gehört - ich weiß es - meine Billigung.
|